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„Zuckersteuer“ in Deutschland: Vorsorge? Abzocke? Warum eine Abgabe auf Softdrinks?

Laura Chrobok  13.05.2026

Zuckerhaltige Getränke stehen seit Jahren in der Kritik. Softdrinks, Energydrinks und andere stark gesüßte Getränke gelten vielen Gesundheitsexperten als Mitverursacher mehrerer Erkrankungen. Nun werden Gegenmaßnahmen auch politisch konkret.

Im Rahmen der Reform zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung plant die Bundesregierung ausdrücklich eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke, welche nach bisherigen Planungen ab 2028 greifen soll. Befürworter sprechen von einem notwendigen gesundheitspolitischen Schritt. Kritiker dagegen warnen vor Symbolpolitik, zusätzlicher finanzieller Belastung und einem immer stärkeren Eingriff des Staates in private Lebensgewohnheiten.

 

Gesundheitsreform 2026: Warum eine „Zuckersteuer“?

Im Zusammenhang mit der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung plant die Bundesregierung ab 2028 eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke.

Nach bisherigen Angaben soll die Abgabe:

·       sich am Zuckergehalt orientieren

·       Hersteller zur Reduktion des Zuckeranteils bewegen

·       zusätzliche Einnahmen für das Gesundheitssystem schaffen

(Bundesministerium für Gesundheit, 2026).

Berichten zufolge werden jährliche Einnahmen von mehreren hundert Millionen Euro erwartet. Das Modell soll sich teilweise an Großbritannien orientieren, wo bereits seit Jahren eine gestaffelte Abgabe auf stark gezuckerte Softdrinks existiert (Deutsches Ärzteblatt, 2026).


Warum eine Abgabe auf Softdrinks?

Getränke mit Zuckerzusatz gelten ernährungsmedizinisch als besonders problematisch. Denn im Gegensatz zu vielen festen Lebensmitteln werden flüssige Kalorien häufig konsumiert, ohne ein starkes Sättigungsgefühl auszulösen. Dadurch kann die konsumierte Menge an Zucker quasi unbemerkt erheblich gesteigert werden.

Die World Health Organization empfiehlt deshalb seit Jahren eine deutliche Reduktion freier Zuckeraufnahme und verweist insbesondere auf den hohen Konsum zuckerhaltiger Getränke (WHO, 2015).

Auch das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass ein hoher Konsum gesüßter Getränke mit Übergewicht bzw. Adipositas und weiteren gesundheitlichen Risiken wie Diabetesnicht-alkoholischer Fettleber-Erkrankungen oder auch Karies in Verbindung gebracht wird (Ma et al., 2015; RKI, 2024).

 

International: Was bewirken Abgaben auf Zucker de facto in anderen Ländern?

Ein wichtiges Beispiel ist Großbritannien. Dort wurde bereits 2018 die Soft Drinks Industry Levy („Softdrink-Industrie-Abgabe“) eingeführt. Sie ist nach dem Zuckergehalt der Getränke gestaffelt. Das Ziel ihrer Einführung war ausdrücklich nicht nur, Verbraucherpreise zu erhöhen, sondern auch Hersteller zur Reformulierung ihrer Produkte zu bewegen (HM Revenue & Customs, 2016).

Ob die britische Zucker-Abgabe langfristig tatsächlich zu einer deutlichen Verringerung von Adipositas, Diabetes oder anderen chronischen Erkrankungen führt, bleibt jedoch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen (Brogaard & Vyas, 2026).

In Mexiko wurde bereits 2014 eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke eingeführt. Eine im BMJ veröffentlichte Studie zeigte anschließend einen Rückgang beim Kauf besteuerter Getränke, insbesondere in einkommensschwächeren Haushalten (Colchero et al., 2016).

Allerdings weisen Experten darauf hin, dass ein sinkender Softdrink-Konsum nicht automatisch bedeutet, dass langfristig auch Erkrankungen wie Adipositas oder Typ-2-Diabetes im erwarteten Umfang zurückgehen (Schaller et al., 2018; Aguilar et al., 2021).

Ähnliches lässt sich über die Situation in vielen anderen Ländern sagen, in denen ähnliche Modelle eingeführt wurden.

Darunter:

o   Frankreich

o   Irland

o   Norwegen

o   Portugal

o   Südafrika

(WHO, 2023; World Bank: „Global SSB Tax Database“).

 

Also … bedeuten Abgaben auf zuckerhaltige Getränke Gesundheitsschutz oder staatliche Bevormundung? Beides?

Kritiker sagen, solchen Maßnahmen hätten vor allem symbolpolitischen Charakter. Sie argumentieren – korrekterweise –, dass Übergewicht und Adipositas komplexe, multifaktorielle Erkrankungen und nicht allein auf den Konsum zuckergesüßter Getränke zurückzuführen sind. Zudem wird diskutiert, dass solche Abgaben einkommensschwächere Haushalte stärker belasten könnten. Auch die langfristigen Auswirkungen auf Adipositas-, Diabetes- oder andere Gesundheitsraten gelten weiterhin als schwieriger messbar als kurzfristige Effekte auf Kauf- oder Konsumverhalten (World Bank, 2020; Public Health England, 2015; Brogaard & Vyas, 2026).

Wie sehr sollte der Staat Einfluss auf Ernährungsentscheidungen seiner Bürgerinnen und Bürger nehmen können bzw. dürfen (um die Staatskasse aufzubessern)?

Offiziell steht zwar der gesundheitliche Nutzen im Vordergrund, gleichwohl ist der finanzielle Aspekt nicht zu übersehen. Die erwarteten Einnahmen sollen zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung beitragen.

Somit bewegt sich die Debatte in einem Spannungsfeld: Die Abgabe kann gesundheitspolitisch nachvollziehbar sein. Dennoch entsteht zunehmend der Eindruck, dass gesundheitspolitische Argumente auch zur Legitimation neuer Einnahmequellen genutzt werden.

 

Fazit: „Zuckersteuer“ – Gesundheitsschutz und Griff in die Taschen der Bevölkerung

Fakt ist: Zuckergesüßte Getränke liefern große Mengen schnell verfügbarer Kalorien, was die Entstehung ernährungsbedingter Erkrankungen fördern kann.

Trotzdem sollte die Wirkung solcher Maßnahmen nicht überschätzt werden.

Eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke – gemeint sind keine Fruchtsäfte – kann Konsumverhalten beeinflussen und Hersteller unter Druck setzen. Sie ersetzt jedoch keine umfassende Präventionsstrategie.

Die Zeit wird zeigen, in welchem Ausmaß die geplante Abgabe die Bevölkerung tatsächlich gesünder machen kann. Auf jeden Fall werden die klammen Staatskassen etwas befüllt.

 

FAQ – häufig gestellte Fragen zur geplanten „Zuckersteuer“

1. Welche Getränke soll die geplante Abgabe betreffen?

Nach aktuellem Kenntnisstand vor allem stark gesüßte Getränke wie z. B. Softdrinks und Energydrinks.

2. Könnten Hersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte gezielt senken, um die Abgabe zu umgehen?

Ja, das gilt sogar als eines der Hauptziele solcher Modelle. Durch gestaffelte Abgaben sollen Hersteller wirtschaftlich dazu bewegt werden, weniger Zucker zu verwenden.

3. Warum wird eine Abgabe ausgerechnet jetzt eingeführt?

Die Diskussion über eine Zuckersteuer existiert seit Jahren. Durch die aktuelle Gesundheitsreform und die angespannte finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung hat das Thema jedoch deutlich an politischer Dynamik gewonnen. Gleichzeitig verweisen Befürworter auf steigende Zahlen ernährungsbedingter Erkrankungen und internationale Vorbilder wie Großbritannien.

 

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Quelle:

·       Bundesministerium für Gesundheit (2026): „FAQ zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz“.

·       Deutsches Ärzteblatt (29.04.2026): „Zuckerabgabe ab 2028 geplant, Details noch offen“.

·       World Health Organization (2015): „Guideline: Sugars intake for adults and children“.

·       Ma, J. et al. (2015): „Sugar sweetened beverage consumption, incident fatty liver disease and the metabolic syndrome“, Journal of Hepatology.

·       Robert-Koch-Institut (2025): „Zuckerhaltige Erfrischungsgetränke – Erwachsene. Ergebnisse der Diabetes-Surveillance 2015–2024“.

·       HM Revenue & Customs (2016): „Soft Drinks Industry Levy“.

·       Brogaard, M.; Vyas, G. (2026): „Assessing recent changes to the Soft Drinks Industry Levy“, Institute for Fiscal Studies.

·       Colchero, M. A. et al. (2016): „Beverage purchases from stores in Mexico under the excise tax on sugar sweetened beverages: observational study“, BMJ.

·       Schaller, K. et al. (2018): „Tax on sugar sweetened beverages and influence of the industry“, Ernährungs Umschau International.

·       Aguilar, A. et al. (2021): „The effectiveness of sin food taxes: Evidence from Mexico“, Journal of Health Economics.

·       World Health Organization (2023): „Global report on the use of sugar-sweetened beverage taxes“.

·       World Bank: „Global SSB Tax Database“, laufend aktualisiert.

·       World Bank (2020): „Taxes on Sugar-Sweetened Beverages: International Evidence and Experiences“.

·       World Bank (2020): „Taxes on Sugar-Sweetened Beverages: International Evidence and Experiences“.

·       Public Health England (2015): „Sugar reduction: the evidence for action“.