PFAS: Warum die Pharma-Industrie nicht auf die „Ewigkeitschemikalien“ verzichtet
Laura Chrobok 27.07.2026
PFAS sind eine der umstrittensten Stoffgruppen überhaupt, wie Sie auch unserem vorherigen Beitrag entnehmen können. Wir haben PFAS-Skandale und ihre Hintergründe beleuchtet. Doch während die Verwendung in vielen Bereichen zunehmend eingeschränkt wird, setzt ausgerechnet die Pharma-Industrie PFAS bis heute in verschiedenen Bereichen ein.
Warum verzichtet eine Branche, deren Aufgabe der Schutz der menschlichen Gesundheit ist, nicht längst auf diese Stoffe? Handelt es sich um vermeidbare Gewohnheiten der Industrie oder gibt es Anwendungen, für die bislang tatsächlich keine gleichwertigen Alternativen existieren? Wie und warum werden PFAS in Arzneimitteln, der Arzneimittelherstellung und Medizinprodukten eingesetzt?
Unwiderstehlich widerstandsfähig – PFAS in der Pharma-Industrie
Eine kurze Antwort lautet: Weil bestimmte PFAS beziehungsweise fluorierte Materialien Eigenschaften besitzen, die sich bislang nur schwer ersetzen lassen: Sie sind außergewöhnlich hitze- und chemikalienbeständig, reagieren kaum mit anderen Stoffen und erfüllen hohe Anforderungen an Hygiene, Sterilität und Haltbarkeit. Eigenschaften, die bei der Entwicklung, Herstellung und Anwendung zahlreicher Medikamente und Medizinprodukte eine wichtige Rolle spielen. Aus diesem Grund sieht der derzeit diskutierte europäische Beschränkungsvorschlag für bestimmte Anwendungen Übergangsfristen oder Ausnahme-Regelungen vor, während gleichzeitig intensiv nach geeigneten Alternativen gesucht wird (European Chemicals Agency, ECHA, 2023).
Allerdings greift eine einfache Erklärung zu kurz. Während insbesondere PFOA und PFOS aufgrund der Risiken, die sie für Gesundheit und Umwelt birgen, weltweit in die Kritik geraten sind, betrifft die Diskussion in der Pharma-Industrie häufig andere fluorierte Materialien oder fluorhaltige Wirkstoffe. Die Unterschiede sind entscheidend, um die aktuelle Debatte richtig einordnen zu können (OECD, 2021; Buck et al., 2011).
Arzneimittel und Medizinprodukte – wofür Pharma-Konzerne PFAS noch immer verwenden
PFAS und andere fluorierte Materialien spielen sowohl bei der Entwicklung bestimmter Arzneimittel als auch bei der Herstellung von Medikamenten und in verschiedenen Medizinprodukten eine Rolle. Je nach Anwendung erfüllen sie dabei unterschiedliche Aufgaben – von der Verbesserung der Eigenschaften eines Wirkstoffs bis hin zur Gewährleistung sicherer und steriler Produktionsprozesse (ECHA, 2023; OECD, 2021).
PFAS in der Produktion von Medizinprodukten
Fluorierte Materialien werden beispielsweise für Schläuche, Dichtungen, Ventile, Pumpen, Filter und spezielle Beschichtungen verwendet. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Hitze- und Chemikalienbeständigkeit sowie ihrer hohen Materialstabilität eignen sie sich besonders für Produktionsanlagen, in denen höchste Anforderungen an Reinheit und Sterilität erfüllt werden müssen.
Zahlreiche Medizinprodukte enthalten fluorierte Materialien. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Katheter, Gefäßprothesen, chirurgische Implantate oder spezielle Membranen. Ausschlaggebend sind ihre hohe chemische Beständigkeit, ihre glatte Oberfläche und ihre gute Biokompatibilität. Nach heutigem Kenntnisstand gelten einige dieser Anwendungen weiterhin als schwer ersetzbar, gleichzeitig wird jedoch intensiv an geeigneten Alternativen geforscht. Nach Angaben der Europäischen Chemikalienagentur gehören diese Anwendungen zu den Bereichen, für die derzeit vielfach noch keine gleichwertigen Alternativen zur Verfügung stehen. Daher werden für bestimmte pharmazeutische Anwendungen im Rahmen der geplanten PFAS-Beschränkung Übergangsfristen oder Ausnahmeregelungen diskutiert (ECHA, 2023).
PFAS in Arzneimitteln
Am bekanntesten ist der Einsatz fluorierter Verbindungen bei der Entwicklung neuer Medikamente. Schätzungen zufolge enthält heute ca. 20 – 25 % der neu zugelassenen Arzneimittel mindestens ein Fluoratom. Dieses kann dazu beitragen, einen Wirkstoff stabiler zu machen, seine Aufnahme im Körper zu verbessern oder seine Wirkdauer zu verlängern. Aus diesem Grund spielt Fluor seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle in der modernen Arzneimittelforschung (Purser et al., 2008; Inoue et al., 2020).
Dabei ist jedoch eine wichtige Unterscheidung erforderlich. Nicht jedes fluorhaltige Medikament ist automatisch ein PFAS im Sinne der aktuellen Umweltdebatte. Gleichzeitig gibt es Arzneistoffe, die nach bestimmten Definitionen durchaus zur PFAS-Stoffgruppe gezählt werden können. Welche Stoffe letztlich PFAS sind, hängt deshalb von der verwendeten Definition ab und wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert (OECD, 2021; Cousins et al., 2020).
Die Verwendung von PFAS wird kontrovers diskutiert
Hier beginnt die eigentliche Debatte. Einerseits besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Belastung von Mensch und Umwelt mit langlebigen PFAS so weit wie möglich reduziert werden muss. Andererseits warnen Pharma-Vertreter und Medizinprodukte-Hersteller davor, auf bestimmte fluorierte Materialien zu verzichten, solange keine gleichwertigen Alternativen verfügbar sind.
Kritiker argumentieren, dass jede weitere Verwendung von PFAS das Risiko zusätzlicher Emissionen erhöht – sei es während der Herstellung, durch Produktionsabfälle oder bei der Entsorgung entsprechender Produkte. Ihrer Ansicht nach sollten deshalb auch Pharma-Konzerne den Einsatz fluorierter Materialien schrittweise reduzieren und verstärkt in die Entwicklung geeigneter Ersatz-Stoffe investieren (Cousins et al., 2020).
Die pharmazeutische Industrie hält dagegen: Während PFAS in zahlreichen Verbraucherprodukten zunehmend ersetzt werden könnten, seien fluorierte Stoffe in Teilen der Arzneimittelentwicklung, Arzneimittelherstellung, Verpackung und Medizintechnik derzeit vielfach noch nicht gleichwertig ersetzbar. Ein vorschneller Verzicht könne nach Ansicht der Branche die Herstellung wichtiger Arzneimittel erschweren, Lieferketten beeinträchtigen und Innovationen verzögern. So fordert die Industrie für bestimmte medizinische Anwendungen Ausnahmeregelungen beziehungsweise lange Übergangsfristen im Rahmen der geplanten PFAS-Beschränkung (European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EFPIA) & AnimalhealthEurope, 2023).
Letztlich geht es nicht um die Frage, ob PFAS ersetzt werden sollen, sondern darum, ob die Industrie fähig und willens ist, bereits existierende Alternativen anzuwenden und sich neuen anzupassen. Dies dürfte entscheidend dafür sein, wie die zukünftige Regulierung der Stoffgruppe ausfällt.
Die Entsorgen: PFAS auch am Ende ihres Lebenszyklus noch problematisch
Die Herausforderungen im Umgang mit PFAS enden nicht mit ihrer Herstellung oder Verwendung. Auch ihre Entsorgung gilt als technisch anspruchsvoll. In herkömmlichen kommunalen Kläranlagen werden viele PFAS deshalb nur unvollständig entfernt. Statt abgebaut zu werden, können sie das gereinigte Abwasser passieren oder sich in Klärschlamm und anderen Rückständen anreichern.
Um PFAS aus industriellen Abwässern zu entfernen, kommen u. a. Aktivkohlefilter, Ionenaustauscherharze und Membranverfahren wie die Umkehrosmose zum Einsatz. Diese Verfahren beseitigen PFAS jedoch meist nicht, sondern trennen sie lediglich aus dem Wasser ab. Dadurch entstehen hochkonzentrierte Rückstände – beispielsweise beladene Aktivkohle, erschöpfte Ionenaustauscherharze oder Konzentrate aus der Membranfiltration –, die anschließend gesondert behandelt oder entsorgt werden müssen.
Für diese PFAS-haltigen Abfälle gilt die Hochtemperaturverbrennung in speziell dafür ausgelegten Sonderabfall-Verbrennungsanlagen derzeit als eine der wichtigsten technischen Behandlungsoptionen. Wie wirksam einzelne PFAS dabei zerstört werden, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab, z. B. der jeweiligen PFAS-Verbindung, der Verbrennungstemperatur, der Verweilzeit sowie der Auslegung der Anlage und der Abgasreinigung. Fachleute weisen darauf hin, dass die vollständige Zerstörung aller PFAS unter realen Betriebsbedingungen weiterhin Gegenstand der Forschung ist und mögliche Emissionen fluorierter Abbauprodukte sowie Rückstände in Aschen und Rauchgasen sorgfältig überwacht werden müssen.
Für die Industrie bedeutet dies, dass PFAS-haltige Produktionsabfälle, kontaminierte Reinigungsflüssigkeiten, gebrauchte Filtermaterialien oder fluorpolymerhaltige Produktionskomponenten häufig nicht über herkömmliche Entsorgungswege beseitigt werden können. Stattdessen sind mehrstufige Verfahren erforderlich: Zunächst werden PFAS aus Abwasser oder Prozessströmen abgetrennt und in einem möglichst kleinen Abfallstrom konzentriert. Anschließend müssen diese Rückstände unter kontrollierten Bedingungen weiterbehandelt oder in dafür geeigneten Anlagen entsorgt werden. Dadurch steigen sowohl der technische Aufwand als auch die Entsorgungskosten erheblich.
(OECD, 2025; EFPIA, 2023)
PFAS und Pharma: Zukunft unklar
Der politische und wissenschaftliche Druck, den Einsatz langlebiger PFAS zu verringern, nimmt weiter zu. Gleichzeitig investieren Unternehmen und Forschungseinrichtungen zunehmend in alternative Materialien, die ähnliche technische Eigenschaften besitzen, ohne die bekannten Nachteile besonders langlebiger PFAS aufzuweisen.
Wahrscheinlich ist, dass die Verwendung von PFAS künftig deutlich genauer geprüft und auf Anwendungen beschränkt wird, für die nachweislich noch keine gleichwertigen Alternativen zur Verfügung stehen. Damit dürfte die Entwicklung neuer Materialien und Produktionsverfahren in den kommenden Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen (ECHA, 2023; OECD, 2021).
Fazit: Der Einsatz von PFAS wird verändert, aber nicht beendet
Der industrielle Einsatz von PFAS zeigt, dass sich komplexe wissenschaftliche und technische Fragestellungen nur selten auf einfache Antworten reduzieren lassen. Während einige PFAS gerade wegen ihrer Langlebigkeit und Gesundheits- sowie Umweltgefahren zunehmend eingeschränkt werden, gelten andere fluorierte Materialien in einzelnen pharmazeutischen Anwendungen derzeit noch als schwer ersetzbar.
Fest steht jedoch auch, dass daran gearbeitet wird, den Einsatz von PFAS zu reduzieren. Wann dies geschieht? Wie? Ob überhaupt? Das sind offene Fragen, die – bis auf Weiteres – offen bleiben.
Nur nochmal zur Erinnerung, wenngleich das nicht für alle fluorierten Stoffe gilt: PFAS können krebserregend sein und sind auch anderweitig gefährlich.
FAQ – (weitere) häufig gestellte Fragen zur Verwendung von PFAS in Pharma-Konzernen
1. Sind fluorierte Medikamente und PFAS dasselbe?
Nein, fluorierte Arzneistoffe und PFAS werden häufig miteinander verwechselt. Zwar können einzelne Wirkstoffe je nach verwendeter Definition zur PFAS-Stoffgruppe gezählt werden, viele fluorhaltige Medikamente fallen jedoch nicht automatisch unter die PFAS, die wegen ihrer Umwelt- und Gesundheitsrisiken besonders im Fokus stehen. Deshalb muss jeder Stoff einzeln bewertet werden (Greinke et al., 2026; OECD, 2021; Cousins et al., 2020).
2. Gelangen PFAS aus der Pharma-Verwendung in die Umwelt?
Ja, grundsätzlich können PFAS entlang ihres gesamten Lebenszyklus – etwa bei der Herstellung, Verarbeitung oder Entsorgung – in die Umwelt gelangen. Wie groß dieser Beitrag im Vergleich zu anderen Quellen tatsächlich ist, hängt jedoch von der jeweiligen Anwendung und den eingesetzten Stoffen ab und wird derzeit intensiv erforscht (Mashima, 2025; ECHA, 2023).
3. Welche Alternativen gäbe es zu PFAS?
Pauschale Alternativen zu PFAS gibt es nicht. Welche Ersatzstoffe infrage kommen, hängt davon ab, welche Aufgabe PFAS im jeweiligen Anwendungsbereich erfüllen. In einigen Bereichen können fluorierte Materialien bereits durch andere Hochleistungskunststoffe, Silikone, Elastomere oder spezielle Beschichtungen ersetzt werden. Teilweise kommen auch alternative Produktionsverfahren oder fluorfreie Wirkstoffe infrage. Für bestimmte Medizinprodukte und hochspezialisierte Herstellungsprozesse sehen Fachleute derzeit jedoch noch keine gleichwertigen Alternativen. Deshalb wird im Rahmen der europäischen PFAS-Beschränkung jede Anwendung einzeln bewertet, anstatt alle PFAS pauschal zu verbieten (ECHA, 2023).
4. Warum werden PFAS nicht schrittweise verboten?
Ein schrittweiser Ausstieg wird derzeit tatsächlich diskutiert. Allerdings unterscheiden Behörden zwischen Anwendungen, für die bereits geeignete Alternativen existieren, und solchen, bei denen ein Ersatz nach heutigem Kenntnisstand noch erhebliche technische oder medizinische Herausforderungen mit sich bringen würde. Aus diesem Grund sieht der von der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) vorgeschlagene PFAS-Beschränkungsprozess für bestimmte Anwendungen Übergangsfristen oder Ausnahmeregelungen vor. Ziel ist es, die Umweltbelastung durch PFAS zu reduzieren, ohne gleichzeitig die Versorgung mit wichtigen Arzneimitteln oder Medizinprodukten zu gefährden (ECHA, 2023).
Weitere Informationen – natürlich auch zu vielen anderen Themen – finden Sie in unserem Blog. Im nächsten Beitrag werden wir uns u. a. ansehen, wie Sie sich vor PFAS-Belastungen schützen können. Unsere Buchreihe „Medizinskandale“ und den „Codex Humanus“, dessen fünfter Band kürzlich erschienen ist, finden Sie außerdem in unserem Online-Shop. Wir freuen uns über Ihren Besuch.
Quellen:
· European Chemicals Agency (2023): „Annex XV Restriction Report – Proposal for a Restriction of PFAS“.
· OECD (2021): „Reconciling Terminology of the Universe of Per- and Polyfluoroalkyl Substances: Recommendations and Practical Guidance“.
· Buck et al. (2011): „Perfluoroalkyl and Polyfluoroalkyl Substances in the Environment: Terminology, Classification, and Origins“, Integrated Environmental Assessment and Management.
· Purser et al. (2008): „Fluorine in Medicinal Chemistry“, Chemical Society Reviews.
· Inoue et al. (2020): „Contribution of Organofluorine Compounds to Pharmaceuticals“, ACS Omega.
· Cousins et al. (2020): „The High Persistence of PFAS Is Sufficient for Their Management as a Chemical Class“, Environmental Science: Processes & Impacts.
· European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EFPIA) & AnimalhealthEurope (2023): „Position of the European Human Pharmaceutical and Animal Health Industry on the Use of ‘Per- and Polyfluorinated Alkyl Substances’ (PFAS) in Europe, in the Light of a Proposed Restriction under REACH“.
· OECD (2025): „Synthesis Report on Understanding Fluoropolymers and Their Life Cycle“, OECD Series on Risk Management of Chemicals.
· Greinke et al. (2026): „Per- and Polyfluorinated Active Pharmaceutical Ingredients: Overview and Alternatives“, Sustainable Chemistry and Pharmacy.
· Mashima (2025): „Per- and Polyfluoroalkyl Substances (PFAS): History, Current Concerns, and Future Outlook“, Molecules.