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PFAS: Wie aus Wunder-Chemikalien einer der größten Chemie-Skandale der Geschichte wurde

Laura Chrobok  15.07.2026

PFAS gelten als einer der größten Umwelt- und Gesundheitsskandale unserer Zeit. Die sog. „Ewigkeitschemikalien“ wurden bereits im Trinkwasser, in Böden, Flüssen, Wildtieren und im Blut des allergrößten Teils der Bevölkerung nachgewiesen. Weltweit verschärfen Behörden ihre Risikobewertungen und arbeiten an weitreichenden Beschränkungen für diese Stoffgruppe.

Was sind PFAS? Wie und warum wurden sie entwickelt? Wie wurde aus einer technischen Erfolgsgeschichte einer der größten Chemie-Skandale der Geschichte? Und weshalb sind die Folgen bis heute weltweit – auch in Deutschland – zu spüren?

 

PFAS: Die „Ewigkeitschemikalien“

PFAS ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Es handelt sich um eine große Stoffgruppe, die mehreren Tausend künstlich hergestellten Verbindungen umfasst.

Gemeinsam ist ihnen eine außergewöhnlich stabile Bindung aus Kohlenstoff- und Fluoratomen. Sie zählt zu den stärksten Bindungen der organischen Chemie und verleiht PFAS Eigenschaften, die sie für zahlreiche industrielle Anwendungen über Jahrzehnte hinweg nahezu unverzichtbar scheinen ließen. Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend, hitzebeständig sowie gegenüber vielen chemischen Einflüssen äußerst widerstandsfähig (OECD, 2021; Buck et al., 2011).

Was zunächst vorteilhaft erscheint, ist in Wahrheit das große Problem: Viele PFAS werden in der Umwelt nur äußerst langsam oder gar nicht abgebaut. Sie verbleiben in Böden, Gewässern, Tieren und Menschen, daher die treffende Bezeichnung als „Ewigkeitschemikalien“ (OECD, 2022; Sunderland et al., 2019).

 

Die Entdeckung der PFAS

Die Geschichte der PFAS beginnt mit einer zufälligen Entdeckung im Jahr 1938. Der Chemiker Roy J. Plunkett stieß bei Forschungsarbeiten für den Chemie-Konzern DuPont auf den Kunststoff Polytetrafluorethylen (PTFE). Das Material erwies sich als außergewöhnlich hitze- und chemikalienbeständig sowie nahezu reibungsfrei und wurde später unter dem Markennamen Teflon weltweit bekannt.

Während des Zweiten Weltkriegs kam PTFE zunächst in militärischen und industriellen Anwendungen zum Einsatz. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte die chemische Industrie zahlreiche weitere PFAS-Verbindungen. Besonders Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroctansäure (PFOA) fanden aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften in immer mehr Produkten Verwendung – z. B. in Antihaftbeschichtungen, Outdoor-Textilien, Lebensmittelverpackungen, Feuerlöschschäumen und zahlreichen industriellen Herstellungsprozessen (Sunderland et al., 2019; Buck et al., 2011; Plunkett, 1986).

Kaum jemand stellte ihren Nutzen infrage, doch was damals als technischer Fortschritt gefeiert wurde, entwickelte sich Jahrzehnte später weltweit zu einem enormen Problem.

 

Vom technischen Fortschritt zum Chemie-Skandal

Über viele Jahre setzte DuPont aus seinem Washington-Works-Werk PFOA in die Umwelt frei. Die Chemikalie wurde u. a. in den Ohio River eingeleitet, über die Luft freigesetzt sowie mit Produktionsabfällen auf Deponien entsorgt. Auf diese Weise gelangte sie in Böden, Grund- und Oberflächenwasser und schließlich auch in das Trinkwasser der umliegenden Bevölkerung.

Öffentlich bekannt wurde dieses Problem Ende der 1990er-Jahre im US-Bundesstaat West Virginia. Der Rinderzüchter Wilbur Tennant beobachtete, dass zahlreiche Tiere auf seiner Farm schwer erkrankten oder verendeten. Er vermutete einen Zusammenhang mit einer nahe gelegenen Deponie des DuPont-Konzerns, auf der jahrelang chemische Abfälle entsorgt worden waren. Nachdem sich zunächst keine Behörde zuständig fühlte, wandte Tennant sich an den Anwalt Robert Bilott. Dieser begann mit umfangreichen Recherchen und zwang DuPont im Rahmen eines Gerichtsverfahrens zur Herausgabe interner Dokumente.

Diese offenbarten, dass dem Unternehmen bereits seit den 1960er- und 1970er-Jahren Hinweise vorlagen, wonach insbesondere Perfluoroctansäure (PFOA) äußerst langlebig ist, sich im menschlichen Körper anreichern kann und möglicherweise gesundheitliche Risiken birgt. Gleichzeitig ging aus den Unterlagen hervor, dass PFOA nicht nur Beschäftigte des Unternehmens belastete, sondern über Emissionen und kontaminiertes Trinkwasser auch in die Körper der Bevölkerung gelangt war.

Zudem zeigten die Dokumente, dass DuPont bereits 1981 Hinweise auf mögliche  pränatale Fehlentwicklungen durch PFOA vorlagen. Anlass waren tier-experimentelle Untersuchungen von 3M, einem weiteren mit PFAS arbeitenden Chemie-Konzern, bei denen Entwicklungsstörungen beobachtet worden waren. Gleichzeitig dokumentierte DuPont bei den Neugeborenen zweier Mitarbeiterinnen angeborene Auffälligkeiten. Zudem wurde bei mindestens einem Neugeborenen PFOA im Nabelschnurblut nachgewiesen, was den Übertritt der Substanz über die Plazenta belegte. Diese Erkenntnisse gehörten zu den frühen Warnsignalen, die den späteren Umgang des Unternehmens mit PFOA erheblich in die Kritik brachten.

(Bilott, 2019; Richter et al., 2018; Grandjean & Clapp, 2015; EPA, 2005)

Der Fall führte schließlich zu einem der größten Umwelt-Gerichtsverfahren in der U.S.-Geschichte. Mehr als 69.000 Anwohner nahmen am sog. C8 Health Project teil und stellten Blutproben sowie Gesundheitsdaten für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung. Auf Grundlage dieser Daten bewertete das unabhängige C8 Science Panel über mehrere Jahre hinweg den Zusammenhang zwischen PFOA und verschiedenen Erkrankungen. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass für sechs Erkrankungen eine „wahrscheinliche Verbindung“ mit einer PFOA-Belastung besteht.

Hierzu zählen:

·       Nierenkrebs

·       Hodenkrebs

·       Colitis ulcerosa (geschwürige Dickdarmentzündung)

·       Erkrankungen der Schilddrüse

·       Bluthochdruck während der Schwangerschaft

·       erhöhtes Cholesterin

(C8 Science Panel, 2012–2013).

Die Ergebnisse des C8 Science Panels markierten einen Wendepunkt in der PFAS-Forschung. Erstmals standen umfangreiche Daten aus einer großen Bevölkerungsgruppe zur Verfügung, die den Zusammenhang zwischen einer langfristigen PFAS-Belastung und gesundheitlichen Risiken systematisch untersuchten. Die Geschehnisse in den USA trugen entscheidend dazu bei, dass Behörden, Wissenschaftler und Politik die Stoffgruppe neu bewerteten (Sunderland et al., 2019; Grandjean & Clapp, 2015).

 

Die USA als warnendes Beispiel? – PFAS-Skandale in Deutschland

Trotz der Warnsignale, die aus den USA um die Welt gingen, wurden die Geschehnisse vielfach als Folge eines spezifischen amerikanischen Industrie-Standorts verstanden. Dass vergleichbare Belastungen auch in Deutschland auftreten konnten, rückte erst mit dem sog. PFT-Skandal in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2006 in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Konzentrationen perfluorierter Verbindungen in der Ruhr sowie im Trinkwasser mehrerer Wasserwerke waren ungewöhnlich hoch. Umfangreiche Untersuchungen ergaben, dass mit PFAS belastete Bodenverbesserer auf landwirtschaftlichen Flächen im Sauerland ausgebracht worden waren. Von dort gelangten die Chemikalien in Böden, Flüsse, Grundwasser, letztlich Trinkwasser. Besonders betroffen waren z. B. die Regionen Arnsberg, Brilon und Rüthen. Es folgten umfangreiche Untersuchungen durch Behörden und Forschungseinrichtungen. Bis heute gilt der Fall als einer der bedeutendsten PFAS-Skandale Deutschlands (Skutlarek et al., 2006; Hölzer et al., 2008).

In den folgenden Jahren wurden an zahlreichen weiteren Orten PFAS-Belastungen festgestellt, die Blutwerte von Anwohnern wiesen erhöhte PFAS-Werte aus. Besonders häufig standen diese mit dem jahrzehntelangen Einsatz PFAS-haltiger Feuerlöschschäume auf Übungsplätzen der Feuerwehr, an Flughäfen und Militärgeländen in Verbindung. Immer deutlicher zeigte sich, dass PFAS kein regional begrenztes, sondern tatsächlich ein immenses und internationales Problem darstellen: Heute lassen sich PFAS im Blut nahezu aller untersuchter Bevölkerungsgruppen nachweisen (ATSDR, 2026; Umweltbundesamt, 2024; EEA, 2023).

 

PFAS: Die EU-Gesetzgebung

Heute werden PFAS in Deutschland und der Europäischen Union deutlich intensiver überwacht als noch vor wenigen Jahren.

Einen wichtigen Meilenstein stellte die Neufassung der EU-Trinkwasserrichtlinie im Jahr 2020 dar, der zufolge die Mitgliedstaaten seit dem 12. Januar 2026 die dort festgelegten Parameter-Werte für „PFAS gesamt“ und die „Summe der PFAS“ einhalten sowie PFAS nach Vorgaben überwachen müssen (Europäische Kommission, 2020; Europäische Kommission, 2026).

Darüber hinaus traten im Mai 2026 neue europäische Vorschriften zum Schutz von Oberflächen- und Grundwasser in Kraft. Sie aktualisieren die Listen relevanter Schadstoffe, sehen für bestimmte PFAS eine strengere Überwachung vor und müssen bis Ende 2027 in nationales Recht umgesetzt werden (Europäische Kommission, 2026).

Parallel wird auf europäischer Ebene bereits seit 2023 ein umfassender Beschränkungsvorschlag für einen Großteil der PFAS-Stoffgruppe im Rahmen der REACH-Verordnung geprüft (ECHA, 2023). Ziel ist, weitere Kontaminationen der Umwelt durch diese Substanzen möglichst zu verhindern und ihre Verwendung auf Anwendungen zu beschränken, für die derzeit (angeblich) noch keine geeigneten Alternativen verfügbar sind. (In unserem kommenden Beitrag werden wir darauf eingehen, warum und wie die Pharma-Industrie PFAS weiterhin nutzt.)

 

Gesundheitsrisiken durch PFAS

Inzwischen wurden weltweit Tausende wissenschaftliche Studien zu PFAS veröffentlicht. Die derzeitige Evidenz spricht dafür, dass eine erhöhte Belastung mit bestimmten PFAS neben bereits erwähnten Krankheitsbildern auch eine verminderte Immunantwort oder Veränderungen der Leberfunktion nach sich ziehen kann. Darüber hinaus wird intensiv erforscht, welche gesundheitlichen Auswirkungen weitere PFAS-Verbindungen besitzen, von denen viele bislang deutlich schlechter untersucht sind (NASEM, 2022; EFSA, 2020; ATSDR, 2021).

 

PFAS: Chemie mit Folgen für Generationen

PFAS wurden entwickelt, um Produkte widerstandsfähiger, langlebiger und leistungsfähiger zu machen. Was wünschenswert klang, erwies sich als eine der größten Schadstoffbelastungen unserer Zeit. Die PFAS-Skandale zeigen, wie lange es bedauerlicherweise dauern kann, bis regulatorische Konsequenzen gezogen werden.

Heute gelten PFAS weltweit als eine der größten Herausforderungen für Umwelt- und Gesundheitsschutz. Die freigesetzten Substanzen werden uns und unsere Umwelt noch über viele Jahrzehnte belasten und beschäftigen.

 

FAQ – (weitere) häufig gestellte Fragen zu PFAS

1. Können PFAS aus dem menschlichen Körper wieder ausgeschieden werden?

Ja, allerdings geschieht dies je nach PFAS-Verbindung unterschiedlich schnell. Einige gut untersuchte PFAS wie PFOA und PFOS können über mehrere Jahre im menschlichen Körper verbleiben, bevor ihre Konzentration deutlich abnimmt. Andere Vertreter der Stoffgruppe werden schneller ausgeschieden (ATSDR, 2021; EFSA, 2020).

2. Lassen sich PFAS vollständig aus Trinkwasser entfernen?

Ja, das ist technisch möglich, aber aufwendig. Besonders Aktivkohle- und Ionenaustauscher-Verfahren können viele PFAS wirksam entfernen. Da die Stoffgruppe mehrere Tausend verschiedene Verbindungen umfasst, gibt es jedoch kein Verfahren, das unter allen Bedingungen gleichermaßen wirksam ist (WHO, 2022; UBA, 2024).

3. Warum werden PFAS nicht weltweit verboten?

Für zahlreiche Anwendungen stehen bereits Alternativen zur Verfügung. In einigen Bereichen – etwa in Teilen der Medizin, der Halbleiterindustrie oder bestimmten industriellen Spezialanwendungen – gelten PFAS nach Einschätzung von Behörden und Fachgremien derzeit jedoch noch als schwer ersetzbar. Deshalb wird in der Europäischen Union über Beschränkungen mit gezielten Ausnahme-Regelungen beraten (ECHA, 2023).

4. Kann ich feststellen lassen, ob ich PFAS im Körper habe?

Ja, spezielle Blutuntersuchungen können die Konzentration einzelner PFAS bestimmen. Solche Tests gehören jedoch nicht zur Routineversorgung und erlauben in der Regel keine Aussage darüber, ob bestehende Beschwerden auf PFAS zurückzuführen sind (NASEM, 2022).

 

Weitere Informationen – natürlich auch zu vielen anderen Themen – finden Sie neben unserem Blog in unserer Buchreihe „Medizinskandale“ und dem „Codex Humanus“, dessen fünfter Band kürzlich erschienen ist. Besuchen Sie gerne unseren Online-Shop.

 

Quellen:

·       OECD (2021): „Reconciling Terminology of the Universe of Per- and Polyfluoroalkyl Substances (PFAS)“, Organisation for Economic Co-operation and Development.

·       Buck, R. C. et al. (2011): „Perfluoroalkyl and Polyfluoroalkyl Substances in the Environment: Terminology, Classification, and Origins“, Integrated Environmental Assessment and Management.

·       OECD (2022): „PFASs and Alternatives in Food Packaging (Paper and Paperboard): Report on the Commercial Availability and Current Uses“, Organisation for Economic Co-operation and Development.

·       Sunderland, E. M. et al. (2019): „A Review of the Pathways of Human Exposure to Poly- and Perfluoroalkyl Substances (PFASs) and Present Understanding of Health Effects“, Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology.

·       Plunkett, R. J. (1986): „The History of Polytetrafluoroethylene: Discovery and Development“. In: Seymour, R. B.; Kirshenbaum, G. S. (Hrsg.): High Performance Polymers: Their Origin and Development. Proceedings of the Symposium on the History of High Performance Polymers at the American Chemical Society Meeting, New York, April 1986. Elsevier, New York.

·       Bilott, R. (2019): „Exposure: Poisoned Water, Corporate Greed, and One Lawyer's Twenty-Year Battle against DuPont“, Atria Books.

·       Richter, L. et al. (2018): „Non-Stick Science: Sixty Years of Research and (In)Action on PFAS“, Social Studies of Science.

·       Grandjean, P.; Clapp, R. (2015): „Perfluorinated Alkyl Substances: Emerging Insights into Health Risks“, New Solutions.

·       EPA (2005): „Draft Risk Assessment of the Potential Human Health Effects Associated with Exposure to Perfluorooctanoic Acid and Its Salts“, U.S. Environmental Protection Agency.

·       C8 Science Panel (2012–2013): „Probable Link Reports“.

·       Skutlarek, D. et al. (2006): „Perfluorinated Surfactants in Surface and Drinking Waters“, Environmental Science and Pollution Research.

·       Hölzer, J. et al. (2008): „Biomonitoring of Perfluorinated Compounds in Children and Adults Exposed to Perfluorooctanoate-Contaminated Drinking Water“, Environmental Health Perspectives.

·       ATSDR (2026): „Human Exposure: PFAS Information for Clinicians“.

·       Umweltbundesamt (2024): „PFAS – Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen“.

·       European Environment Agency (2023): „Emerging Chemical Risks in Europe – PFAS“.

·       European Commission (2020): „Directive (EU) 2020/2184 on the Quality of Water Intended for Human Consumption“.

·       European Commission (2026): „New EU-wide Protections Against PFAS in Drinking Water Come into Effect“.

·       European Commission (2026): „New EU Law to Better Protect Water Enters into Force“.

·       European Chemicals Agency (2023): „Annex XV Restriction Report – Proposal for a Restriction of PFAS“.

·       National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (2022): „Guidance on PFAS Exposure, Testing, and Clinical Follow-Up“.

·       EFSA (2020): „Risk to Human Health Related to the Presence of Perfluoroalkyl Substances in Food“, EFSA Journal.

·       ATSDR (2021): „Toxicological Profile for Perfluoroalkyls“.

·       World Health Organization (2022): „PFAS in Drinking-water“.