Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

IVF-Zusatzbehandlungen: Welche teuren Add-ons wirklich helfen – und welche nicht

Laura Chrobok  06.07.2026

Ein unerfüllter Kinderwunsch gehört für viele Menschen zu den emotional belastendsten Erfahrungen überhaupt. Bleibt eine Schwangerschaft trotz aller Bemühungen aus, setzen viele Betroffene ihre Hoffnungen auf eine künstliche Befruchtung. Umso verlockender klingen zusätzliche Untersuchungen, Medikamente oder Laborverfahren, die die Erfolgschancen einer IVF angeblich verbessern sollen. Doch genau diese sog. „IVF-Add-ons“ geraten zunehmend in die Kritik. Aktuelle wissenschaftliche Auswertungen zeigen: Für viele der kostenpflichtigen Zusatzbehandlungen ist der Nutzen bislang nicht nachgewiesen – dennoch werden sie in Kinderwunschzentren weltweit angeboten.

Hier erfahren Sie, was IVF-Zusatzbehandlungen genau sind, welche Verfahren besonders häufig angeboten werden, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse derzeit vorliegen und worauf Sie achten sollten, bevor Sie sich für kostenpflichtige Zusatzleistungen entscheiden.

 

Was sind IVF und ICSI? – Fachtermini erklärt

Die In-vitro-Fertilisation (IVF) und die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) gehören zu den am häufigsten eingesetzten Verfahren der künstlichen Befruchtung. Bei beiden Methoden werden der Frau zunächst Eizellen entnommen. Während die Befruchtung bei einer IVF im Labor erfolgt, indem Eizellen und Spermien zusammengebracht werden, wird bei einer ICSI ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle injiziert. Anschließend wird einer oder mehrere Embryonen in die Gebärmutter übertragen (Ata et al., 2026).

Ob eine IVF oder ICSI infrage kommt, hängt von der Ursache des unerfüllten Kinderwunsches ab und wird individuell ärztlich entschieden. Die in diesem Beitrag beschriebenen Zusatzbehandlungen (IVF-Add-ons) können – je nach Verfahren – sowohl im Rahmen einer IVF als auch einer ICSI zusätzlich angeboten werden.

 

Was sind Zusatzbehandlungen bei künstlicher Befruchtung?

Als IVF-Add-ons bezeichnet man zusätzliche Untersuchungen, Medikamente oder Labortechniken, die über eine reguläre ICSI- oder IVF-Behandlung hinausgehen. Sie sollen beispielsweise die Einnistung fördern, Embryonen mit besseren Entwicklungschancen auswählen oder die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöhen.

Zu den bekanntesten IVF-Zusatzbehandlungen gehören z. B.:

·       Präimplantationstest auf Aneuploidien (PGT-A)

·       Endometrium-Rezeptivitätstest (ERA)

·       EmbryoGlue

·       Endometrium-Scratching

·       PICSI

·       Time-lapse-Embryokultur

·       PRP (Platelet-Rich Plasma)

·       Intralipid-Infusionen

·       Kortikosteroide

·       Akupunktur.

Einige dieser Verfahren werden bereits seit vielen Jahren angeboten, andere sind vergleichsweise neu. Gemeinsam haben viele, dass ihr Nutzen häufig größer erscheint, als tatsächlich belegt werden konnte.

 

Diese Kosten verursachen IVF-Add-ons

Veröffentlichte Preis-Übersichten aus dem britischen IVF-Markt zeigen, dass die finanziellen Belastungen durch Zusatzleistungen keineswegs geringfügig sind (Perrotta, 2024):

·       PGT-A: ca. 2.100 – 3.500 £ (rund 2.500 – 4.100 €)

·       Endometrium-Rezeptivitätstests: ca. 450 – 1.500 £ (rund 530 – 1.760 €)

·       Immunologische Tests und Behandlungen: ca. 1.270 – 2.890 £ (rund 1.490 – 3.390 €)

·       Endometrium-Scratching: ca. 150 – 400 £ (rund 180 – 470 €)

·       Hyaluronatreiche Transfermedien wie EmbryoGlue: ca. 160 £ (rund 190 €)

Die konkreten Kosten unterscheiden sich je nach Land, Kinderwunschzentrum und individuellem Behandlungsplan. Dennoch verdeutlichen diese Richtwerte, dass viele IVF-Add-ons erhebliche Zusatzkosten verursachen.

 

Kosten hoch, Nutzen fraglich: Deshalb werden IVF-Add-ons zunehmend kritisch bewertet

Die bislang umfassendste wissenschaftliche Analyse fraglicher Zusatzleistungen wurde 2026 veröffentlicht. Die Forschenden berücksichtigten ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien und überprüften zusätzlich deren wissenschaftliche Qualität. Von ursprünglich 157 geeigneten Studien wurden 72 wegen erheblicher Zweifel an ihrer Vertrauenswürdigkeit ausgeschlossen. In die endgültige Auswertung flossen deshalb nur 85 randomisierte Studien ein.

Das Ergebnis war eindeutig: Für die Mehrzahl der untersuchten IVF-Add-ons fand sich kein überzeugender Nachweis, dass sie die Lebendgeburtenrate verbessern. Nur bei wenigen ergaben sich schwache Hinweise auf einen möglichen Nutzen. Die Autorinnen und Autoren betonen ausdrücklich, dass die Evidenz insgesamt begrenzt bleibt und weitere hochwertige Studien notwendig sind (Lensen et al., 2026).

Zugegeben, ähnliche Äußerungen werden in der Schulmedizin durchaus häufig getätigt – nun richtet sich die Kritik einmal gegen schulmedizinische Maßnahmen selbst. Doch auch hier gilt: Die Wirksamkeit von Maßnahmen nicht absolut nachvollziehen bzw. beweisen zu können, ist nicht gleichbedeutend mit dem Fehlen von Wirksamkeit. Nichtsdestotrotz entsteht der fatale Eindruck, manche Anbieter von IVF-Add-ons wollen nur Ihr Bestes: Ihr Geld.

 

Welche IVF-Zusatzbehandlungen werden derzeit besonders hinterfragt – und warum?

Die gesetzliche Krankenversicherung beteiligt sich unter bestimmten Voraussetzungen zwar an den Kosten regulärer Kinderwunschbehandlungen wie IVF oder ICSI. Viele zusätzliche Tests, Laborverfahren oder Begleittherapien gehören jedoch nicht zur Standardversorgung und müssen meist privat bezahlt werden.

Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch befinden sich häufig in einer emotional und finanziell belastenden Situation. Viele möchten verständlicherweise keine mögliche Chance ungenutzt lassen. Zusatzleistungen geben Hoffnung – besonders, wenn sie modern, individuell oder biologisch plausibel wirken.

Das bedeutet nicht automatisch, dass Kinderwunschzentren unseriös handeln. Viele Einrichtungen informieren offen darüber, dass die Evidenz für bestimmte IVF-Add-ons begrenzt ist. Problematisch wird es jedoch, wenn kostenpflichtige Add-ons als erfolgssteigernd, besonders wichtig, gar nahezu unverzichtbar dargestellt werden, obwohl ihr Nutzen hinsichtlich der Lebendgeburten-Rate wissenschaftlich nicht gut belegt ist.

Hier einige Beispiele:

·      Endometrium-Rezeptivitätstest (ERA): Zu viel versprechende Präzision

Der ERA-Test soll den angeblich optimalen Zeitpunkt für den Embryotransfer bestimmen. Dafür wird die Gebärmutterschleimhaut in einem vorbereiteten Zyklus untersucht, um das individuelle Implantationsfenster zu erfassen. Es entsteht der Eindruck von Präzision und Individualisierung. Dadurch wird das Verfahren für Patientinnen attraktiv und für Anbieter wirtschaftlich äußerst interessant. Der Test verursacht zusätzliche Kosten und wird üblicherweise nicht als regulärer Bestandteil einer IVF oder ICSI von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen – bislang konnte nicht überzeugend gezeigt werden, dass er  die Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt erhöht. Die ESHRE empfiehlt deshalb keine routinemäßige, über Einzelfälle hinausgehende Durchführung (Lundin et al., 2023).

·       Immunmodulierende oder immunsuppressive Begleittherapien: Hohe Zusatzkosten bei unsicherer Evidenz

Zu den umstrittensten IVF-Zusatzbehandlungen zählen sog. Immuntherapien, darunter Kortikosteroide, Intralipid-Infusionen und intravenöse Immunglobuline (IVIG). Dahinter steht die Annahme, dass das Immunsystem in manchen Fällen die Einnistung eines Embryos erschweren und/oder eine frühe Schwangerschaft negativ beeinträchtigen könnte.

Auch diese Annahme ist grundsätzlich plausibel – besonders nach wiederholten Fehlversuchen. Bislang konnte jedoch nicht überzeugend gezeigt werden, dass Immuntherapien die Rate der Lebendgeburten erhöhen. Die aktuelle Lancet-Metaanalyse fand keinen belastbaren Wirksamkeitsnachweis, auch die ESHRE sieht derzeit keine Grundlage für einen routinemäßigen Einsatz (Lensen et al., 2026; Lundin et al., 2023).

Finanziell können Immuntherapien besonders stark ins Gewicht fallen, weil sie häufig nicht als einmalige Maßnahme, sondern als wiederholte Behandlung angeboten werden. Zudem handelt es sich nicht immer um harmlose Begleitmaßnahmen: Kortikosteroide und andere immunologisch wirksame Behandlungen können Nebenwirkungen haben und sollten nur bei klarer medizinischer Indikation eingesetzt werden.

·       Präimplantationstest auf Aneuploidien (PGT-A): Teurer Gentest mit begrenztem Nutzen

Beim Präimplantationstest auf Aneuploidien (PGT-A) werden Embryonen genetisch untersucht, um Embryonen mit auffälliger Chromosomenzahl möglichst auszuschließen. Die Grundidee klingt überzeugend, denn Chromosomenstörungen zählen zu den häufigsten Ursachen früher Fehlgeburten.

Doch der Test gehört zu den teuersten IVF-Zusatzleistungen und wird privat abgerechnet. Und für eine routinemäßige Anwendung bei allen IVF-Patientinnen konnte bislang kein überzeugender Nutzen hinsichtlich der Lebendgeburten-Rate nachgewiesen werden. Die American Society for Reproductive Medicine empfiehlt deshalb keinen generellen Einsatz bei allen Patientinnen. Ob bestimmte Gruppen profitieren könnten, wird weiterhin untersucht (Practice Committees of ASRM und SART, 2024; Lensen et al., 2026).

Hierbei muss also nicht kritisiert werden, dass PGT-A grundsätzlich erforscht oder in Einzelfällen erwogen wird, sondern ein Vorgehen, bei dem der Eindruck erweckt würde, ohne den hochpreisigen Test werde eine entscheidende Chance verpasst, obwohl der Nutzen für viele Patientinnen nicht gesichert ist.

·       PRP: Intensiv als innovativ beworben

PRP steht für Platelet-Rich Plasma, also plättchenreiches Plasma. Dabei wird Patientinnen Blut entnommen, mit Blutplättchen angereichert und anschließend in Gebärmutter oder Eierstöcke eingebracht. Ziel ist es, die Regeneration des Gewebes anzuregen und dadurch die Einnistung oder die Funktion der Eierstöcke zu verbessern.

Einige Kinderwunschzentren bewerben das Verfahren als innovative Zusatzoption, etwa bei dünner Gebärmutterschleimhaut, niedriger ovarieller Reserve oder wiederholtem Implantationsversagen.

Der kritische Punkt ist nicht, dass PRP erforscht wird, sondern welche Behauptungen über den Nutzen aufgestellt werden (auch, um hohe Kosten zu rechtfertigen). Denn die Behandlung wird üblicherweise privat bezahlt, obwohl bislang kein überzeugender klinischer Nutzen hinsichtlich der Lebendgeburten-Rate nachgewiesen werden konnte (Lensen et al., 2026).

 

EmbryoGlue, PICSI und Endometrium-Scratching: Echter Zusatz-Nutzen?

Die aktuelle Studienlage zeigt, dass nicht alle IVF-Add-ons gleichermaßen bewertet werden sollten, denn es gibt durchaus auch positive Beispiele:

·       EmbryoGlue: Ein aussichtsreiches IVF-Add-on

EmbryoGlue ist ein spezielles Transfermedium, das unmittelbar vor dem Embryotransfer verwendet wird. Es enthält eine erhöhte Konzentration an Hyaluronsäure (Hyaluronan), einem natürlichen Bestandteil der Gebärmutterschleimhaut, und soll dadurch die Anhaftung des Embryos an der Gebärmutter unterstützen (Heymann et al., 2020).

Auch EmbryoGlue wird als kostenpflichtige Zusatzleistung angeboten und muss meist privat bezahlt werden. Gerade deshalb ist die Frage nach dem tatsächlichen Nutzen von besonderer Bedeutung. Im Gegensatz zu vielen anderen IVF-Add-ons fiel die Bewertung in der aktuellen Lancet-Metaanalyse jedoch etwas positiver aus. Die Forschenden fanden schwache Hinweise auf einen möglichen Nutzen, betonen jedoch ausdrücklich, dass die Evidenz insgesamt noch begrenzt ist und weitere hochwertige randomisierte Studien erforderlich sind, bevor EmbryoGlue allgemein empfohlen werden kann (Lensen et al., 2026). Das alte Lied …

·       Endometrium-Scratching: Erste Hinweise auf einen möglichen Nutzen

Beim Endometrium-Scratching wird die Gebärmutterschleimhaut mithilfe eines dünnen Katheters gezielt leicht verletzt („gekratzt“, „geritzt“). Die dadurch ausgelöste lokale Entzündungs- und Heilungsreaktion soll die Aufnahmebereitschaft der Gebärmutterschleimhaut für den Embryo verbessern und dadurch die Einnistung begünstigen (Lundin et al., 2023).

Das Verfahren wird ebenfalls als kostenpflichtige Zusatzleistung angeboten und muss meist privat bezahlt werden. Laut der aktuellen Lancet-Metaanalyse gehört Endometrium-Scratching zu den wenigen IVF-Add-ons, bei denen schwache Hinweise auf einen möglichen Nutzen gefunden wurden. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass die Evidenz weiterhin begrenzt ist und derzeit nicht ausreicht, um das Verfahren routinemäßig zu empfehlen (Lensen et al., 2026). Haben Sie Interesse an dieser Behandlung, sollten Sie dies wissen.

·       PICSI: Positive Signale, offene Fragen

Die Physiologische Intrazytoplasmatische Spermieninjektion ist eine Weiterentwicklung der klassischen ICSI. Die Spermien werden danach ausgewählt, ob sie an Hyaluronsäure binden können. Diese Bindungsfähigkeit gilt als Hinweis auf eine höhere Reife und möglicherweise bessere biologische Qualität der Spermien (Lundin et al., 2023).

Wie andere IVF-Add-ons verursacht auch PICSI zusätzliche Kosten und gehört i. d. R. nicht zur regulären Standardbehandlung. Umso wichtiger ist die Frage, ob der finanzielle Mehraufwand durch einen nachgewiesenen Nutzen gerechtfertigt ist. Nach der aktuellen Lancet-Metaanalyse gehört PICSI zu den wenigen Add-ons, für die sich schwache Hinweise auf einen möglichen Nutzen fanden. Auch hier weisen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich darauf hin, dass die derzeitige Evidenz für eine allgemeine Empfehlung noch nicht ausreicht … (Lensen et al., 2026).

Und eine Maßnahme, die wir als Sonderfall bezeichnen möchten …

·       Akupunktur: Gesteigerte Entspannung, nicht gesteigerter IVF-Erfolg

Akupunktur hat für viele Patientinnen einen wichtigen Nutzen: Mehrere Studien lassen den Rückschluss zu, dass sie IVF-bedingte Ängste und den empfundenen Stress temporär verringern und dadurch zu einer höheren psychischen Belastbarkeit während der Behandlung beitragen kann als mögliche Unterstützung des seelischen Wohlbefindens während häufig belastender Prozeduren (Hullender Rubin et al., 2022).

Und das kann nicht schaden. Dennoch: Eine Akupunktur-Sitzung zur begleitenden Unterstützung einer IVF oder ICSI kostet meist 30 – 80 €. (Häufig werden mehrere Sitzungen rund um die Kinderwunschbehandlung empfohlen.) Aber Akupunktur zur Unterstützung einer künstlichen Befruchtung gehört i. d. R. nicht zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung und muss daher meist privat bezahlt werden (Techniker Krankenkasse, 2026).

 

Worauf Sie vor Beginn einer kostenpflichtigen IVF-Zusatzbehandlung achten sollten

Wenn Ihnen im Rahmen einer ICSI oder IVF eine zusätzliche Leistung angeboten wird, sollten Sie gezielt nachfragen, ob sie Bestandteil des genehmigten Behandlungsplans ist oder privat bezahlt werden muss. Ebenso wichtig ist die Frage, ob die Behandlung nachweislich positiven Einfluss auf die Rate der Lebendgeburten hat – oder etwa lediglich auf einige Laborwerte oder Zwischenziele.

Hilfreich sind zudem Rückfragen wie diese:

o   Welche Risiken oder Nebenwirkungen sind bekannt?

o   Welche Kosten entstehen zusätzlich?

o   Welche Vorteile gelten als wissenschaftlich gesichert – und welche beruhen (bislang) auf ersten Hinweisen?

o   Wird die Behandlung von internationalen Fachgesellschaften empfohlen?

Seriöse Kinderwunschkliniken sollten erklären können …

o   welche Aussagen wissenschaftlich gut belegt sind,

o   welche Risiken und Nebenwirkungen bekannt sind/wo Unsicherheiten bestehen,

o   welche Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen werden.

 

Diese Naturheilsubstanzen können eine Schwangerschaft unterstützen

Es gibt natürlich einige solcher Substanzen, die über die Nahrung oder Nahrungsergänzungsmittel aufgenommen werden können.

Z. B.:

o  Coenzym Q10

o  Folsäure (Vitamin B9)

o  Myo-Inositol

o  Omega-3-Fettsäuren

o   Vitamin D3.

 

IVF-Add-ons: Hoffen kann teuer werden ... 

Es kann vorkommen, dass wir uns etwas so sehr wünschen, dass wir „zu allem bereit sind“, um den Wunsch Realität werden zu lassen. Doch gerade dann ist Vorsicht geboten. In solchen Situationen sollte nichts überstürzt werden ...

Viele IVF-Zusatzbehandlungen werden mit der Behauptung beworben, die Erfolgschancen einer künstlichen Befruchtung zu steigern. Die aktuelle Studienlage zeigt jedoch, dass für zahlreiche dieser kostenpflichtigen Verfahren bislang kein überzeugender Nachweis eines Nutzens hinsichtlich der Lebendgeburten vorliegt.

Die wichtigste Botschaft lautet daher: Fragen Sie nach, welche Zusatzbehandlungen wissenschaftlich gut belegt sind, welche sich noch in der Erprobung befinden und ob der mögliche Nutzen den finanziellen Mehraufwand in Ihrem individuellen Fall tatsächlich rechtfertigt. Eine fundierte Entscheidung auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ist die beste Investition in eine zukünftige Familienplanung.

 

FAQ – häufig gestellte Fragen zu IVF-Add-ons

1. Warum gilt die Rate der Lebendgeburten als wichtigster Maßstab für den Erfolg einer IVF?

Ein geeigneter Embryo oder eine erfolgreiche Einnistung sind wichtige Zwischenschritte – sie garantieren jedoch nicht, dass am Ende tatsächlich ein Kind geboren wird. Schwangerschaften können beispielsweise durch frühe oder spätere Fehlgeburten enden. Deshalb gilt die Lebendgeburtenrate als aussagekräftigster Endpunkt in der Reproduktionsmedizin: Sie zeigt, wie häufig eine Behandlung letztlich zu einer Lebendgeburt führt und ermöglicht damit eine realistische Beurteilung des tatsächlichen Nutzens einer IVF-Zusatzbehandlung. Aus diesem Grund bewerten auch internationale Fachgesellschaften und aktuelle Studien IVF-Add-ons vorrangig anhand ihres Einflusses auf die Lebendgeburtenrate (Lensen et al., 2026; Practice Committees of ASRM und SART, 2024).

2. Warum unterscheiden sich die Empfehlungen verschiedener Kinderwunschzentren teilweise deutlich?

Kinderwunschzentren bewerten wissenschaftliche Daten nicht immer gleich und setzen unterschiedliche Behandlungsschwerpunkte. Manche Kliniken bieten neue Verfahren bereits früh an, andere warten bewusst auf belastbarere Studien. Für Patientinnen und Patienten kann es deshalb sinnvoll sein, sich bei kostenintensiven Zusatzleistungen eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.

3. Woran erkenne ich, ob mir eine Behandlung aus medizinischen oder eher wirtschaftlichen Gründen empfohlen wird?

Fragen Sie Ihre Kinderwunschklinik, warum die Behandlung gerade Ihnen empfohlen wird. Kann nachvollziehbar erklärt werden, welche individuelle medizinische Situation den Einsatz rechtfertigt und welche wissenschaftlichen Daten diesen stützen, spricht dies eher für eine patientenorientierte Empfehlung. Werden dagegen vor allem allgemeine Erfolgsaussagen gemacht oder entsteht Zeitdruck, sollte kritisch nachgefragt werden.

4. Ist ein hoher Preis ein Hinweis auf eine besonders wirksame Behandlung?

Nein. Der Preis einer Zusatzleistung sagt nichts darüber aus, wie gut ihre Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist. Einige der teuersten IVF-Add-ons gehören gleichzeitig zu den Verfahren, für die bislang kein überzeugender Nachweis eines zusätzlichen Nutzens hinsichtlich der Lebendgeburtenrate vorliegt.

5. Sollte ich auf ein IVF-Add-on verzichten, wenn die wissenschaftliche Evidenz begrenzt ist?

Nicht zwangsläufig. Wichtig ist vor allem, dass Sie Nutzen, Risiken und Kosten einer Zusatzbehandlung kennen und eine informierte Entscheidung treffen können.

6. Wo finde ich unabhängige Informationen über IVF-Add-ons?

Internationale Fachgesellschaften wie die European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE), die American Society for Reproductive Medicine (ASRM) sowie die britische Aufsichtsbehörde Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) veröffentlichen regelmäßig wissenschaftlich fundierte Bewertungen zu IVF-Zusatzbehandlungen und ihrer Evidenz.

 

Weitere Informationen zum Thema Kinderwunsch – und natürlich vielen anderen Themen – finden Sie neben unserem Blog in unserer Buchreihe Medizinskandale und dem Codex Humanus“, dessen fünfter Band kürzlich erschienen ist. Besuchen Sie gerne unseren Online-Shop.

 

Quellen:

·       Ata, B. et al. (2026): „ESHRE guideline: ovarian stimulation for IVF/ICSI: an update in 2025“, Human Reproduction.

·       Perrotta, M. (2024): „Biomedical Innovation in Fertility Care: Evidence Challenges, Commercialization, and the Market for Hope“, Bristol University Press.

·       Lensen, S. et al. (2026): „Safety and Effectiveness of Ten Common In-vitro Fertilisation Add-ons: A Systematic Review and Meta-analysis of Randomised Controlled Trials“, The Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women’s Health.

·       Lundin, K. et al. (2023): „Good Practice Recommendations on Add-ons in Reproductive Medicine“, Human Reproduction.

·       Practice Committees of the American Society for Reproductive Medicine and the Society for Assisted Reproductive Technology (2024): „The Use of Preimplantation Genetic Testing for Aneuploidy: A Committee Opinion“, Fertility and Sterility.

·       Heymann, D.; Vidal, L.; Or, Y.; Shoham, Z. (2020): „Hyaluronic Acid in Embryo Transfer Media for Assisted Reproductive Technologies“, Cochrane Database of Systematic Reviews.

·       Hullender Rubin, L. E. et al. (2022): „Effect of Acupuncture on IVF-Related Anxiety: A Systematic Review and Meta-analysis“, Reproductive BioMedicine Online.

·       Techniker Krankenkasse (2026): „Akupunktur – Anwendung, Wirkung und Kosten“.