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„Abnehmspritzen“: Der Trend, die Wirkung und der mögliche Jojo-Effekt

Viele Gesundheits-Trends kommen und gehen – bei den sogenannten „Abnehmspritzen“ ist das anders. Denn hierbei können Fragen nach medizinischen Wirkmechanismen auf Themen treffen, die emotional aufgeladen sind: Selbstkontrolle, Gewicht, Gesundheit, Geld

Wer verstehen will, wie und warum diese Medikamente wirken, warum das Absetzen oft nicht ohne Konsequenzen ist und warum der Markt geradezu explodiert, muss hinter die Schlagzeilen schauen.

 

Von Diabetes-Medikamenten zu Abnehm-Phänomenen

Die sog. „Abnehmspritzen“ mit Wirkstoffen wie Semaglutid oder Tirzepatid – sind aktuell stark nachgefragt sind. Diese Mittel wurden nicht als Lifestyle-Diät-Produkt entwickelt.

Semaglutid ist vielen unter dem Markennamen Ozempic® bekannt, ursprünglich ein Diabetesmedikament, das später in höherer Dosierung als Wegovy® zur Gewichtsreduktion zugelassen wurde (FDA, 2017; FDA, 2021). Es handelt sich um eingetragene Marken des dänischen Pharma-Unternehmens Novo Nordisk.

Sich zuallererst um eine Zulassung in den USA zu bemühen, hatte für den Pharma-Produzenten übrigens mehrere – auch wirtschaftliche – Vorteile. Vor allem sind die USA der größte Adipositas- und Diabetes-Markt der Welt (fortunebusinessinsights.com).

Auch Tirzepatid, ein Wirkstoff des US-Pharm-Riesen Eli Lilly and Company, wurde zunächst unter dem Markennamen Mounjaro® zur Behandlung des Typ-2-Diabetes zugelassen (FDA, 2022). Später folgte die Zulassung zur Gewichtsreduktion bei Adipositas Zepbound® (FDA, 2023).

 

Was solche Mittel tatsächlich leisten

Um zu erklären, wie diese Wirkstoffe ihre Wirkung entfalten (Drucker, 2018), holen wir etwas weiter aus:

Semaglutid setzt beim GLP-1 an. GLP-1 ist ein Hormon, das natürlicherweise im Darm gebildet wird und die hormonelle Blutzuckerregulation beeinflusst, die Magenentleerung verzögert und das Sättigungszentrum im Gehirn moduliert. Genau diese Mechanismen sind bei Adipositas und Typ-2-Diabetes gestört bzw. überlastet.

Der Wirkmechanismus von Tirzepatid unterscheidet sich leicht, da es neben GLP-1-Rezeptor auch den GIP-Rezeptor aktiviert. GIP ist ein Hormon aus derselben Hormon-Familie wie GLP, durch dessen Aktivierung in noch komplexerer Weise in die hormonelle Stoffwechselregulation eingegriffen wird (Jastreboff et al., 2022). Auch das erklärt, warum diese Wirkstoffe sowohl bei Diabetes als auch bei Adipositas wirksam sind.

Die sog. Abnehmspritzen sind also kein isoliertes „Gewichtsthema“. Studien zeigen, dass Gewichtsreduktion unter GLP-1-Therapie mit deutlichen Verbesserungen kardiometabolischer Parameter einhergeht – Blutzuckerwerte, Blutdruck, Lipidwerte (Wilding et al., 2021).

 

Zum „Jojo“-Effekt

Wie bereits in den vorangegangenen Artikeln beschrieben, sind Adipositas und Typ-2-Diabetes chronische Erkrankungen, keine reinen Lebensstil-Phänomene. Der Körper reguliert Gewicht, Hunger und Energieverbrauch aktiv hormonell. Genau deshalb kommt es nach Diäten oft zu einer „Rückkehr“ des Gewichts – und genau deshalb wirken GLP-1-basierte Medikamente so stark: Sie greifen in diese hormonelle Gegenregulation ein. Dass nach Absetzen häufig wieder Gewicht zugenommen wird, ist vor diesem Hintergrund logisch. Es zeigt die bedauerlicherweise chronische Natur von Adipositas und Diabetes (Rubino et al., 2022).

Es sollte nicht um Ästhetik gehen, es geht um die Beeinflussung genau jener Mechanismen, die diese beiden Erkrankungen kennzeichnen.

 

Darreichungsform (bald nicht nur Spritzen?)

Die Präparate werden einmal wöchentlich subkutan injiziert. Semaglutid ist zusätzlich auch als Tablette verfügbar – allerdings bisher nur zur Behandlung des Typ-2-Diabetes und nicht zur Gewichtsreduktion zugelassen. Diese Tabletten müssen täglich eingenommen werden und sind in ihrer Wirkung auf das Gewicht deutlich schwächer als die injizierbaren Hochdosis-Präparate. Orale Hochdosis-Formen zur Gewichtsreduktion befinden sich in der Entwicklung, sind aber noch kein etablierter klinischer Standard (FDA, 2019; Drucker, 2018).

 

Kurz zur Ökonomie

Die Preise bewegen sich – je nach Dosis und Präparat – typischerweise in folgenden Bereichen:

·       Semaglutid (Wegovy®): ca. 300 – 370 €/Monat

·       Tirzepatid (Mounjaro®): ca. 400 – 500 €/Monat

(Fachinformation Wegovy®, 2023; Fachinformation Mounjaro®, 2025).

In den USA liegen die Preise teils deutlich höher.


Tja ... wenn Medikamente langfristig benötigt werden, entsteht ein wirtschaftlich äußerst attraktives Modell: Chronische Indikationen bedeuten wiederkehrende Verordnungen. Genau deshalb ist dieser Markt aktuell einer der am stärksten wachsenden im Pharmabereich. Und deshalb betreiben Schulmedizin und Pharmakologie gerne Symptom- statt Ursachen-Behandlung.

 

Und zur Kosten-Nicht-Übernahme durch die Krankenkassen

In Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenversicherung Abnehmspritzen für reine Gewichtsreduktion derzeit nicht. Wenn die Wirkstoffe im Rahmen von Diabetes-Behandlungen verschrieben werden, kann die GKV die Kosten übernehmen (§34 SGB V).

Private Versicherungen entscheiden die Frage der Kostenübernahme in beiden Fällen individuell (§192 Abs. 1 VVG).

 

Abnehmspritzen: Kein Diät-Trend, sondern ein Eingriff in die Biologie

Wer diese Arzneimittel nur als „Hilfsmittel zum Abnehmen“ betrachtet, greift zu kurz. Die sogenannten Abnehmspritzen sind kein Lifestyle-Phänomen und auch kein kurzfristiger Hype. Sie wirken, indem sie in zentrale hormonelle Regelkreise eingreifen, die bei Adipositas und Typ-2-Diabetes aus dem Gleichgewicht geraten sind. Genau darin liegt ihre Stärke – und zugleich der Grund, warum der Effekt nach dem Absetzen oft nicht bestehen bleibt. Auch hier geht es also unterm Strich um eine nachhaltige Änderung von Gewohnheiten.

 

FAQ – häufige Fragen zu Abnehmspritzen

1. Welche Nebenwirkungen treten unter GLP-1-Abnehmspritzen am häufigsten auf – und warum?

Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Völlegefühl, Erbrechen und Durchfall. Diese entstehen nicht durch „Unverträglichkeit“, sondern sind direkte Folgen der verlangsamten Magenentleerung und der veränderten hormonellen Signalgebung im Verdauungstrakt. Der Körper muss sich an diese veränderte Magen-Darm-Dynamik erst anpassen.

2. Gibt es Hinweise darauf, dass diese Wirkstoffe auch Entzündungs-prozesse im Körper beeinflussen?

Es gibt Hinweise darauf, dass GLP-1-basierte Therapien entzündliche Marker und kardiometabolische Risikofaktoren senken können. Das erklärt, warum sich Blutdruck, Blutzucker und Blutfettwerte oft parallel verbessern.

3. Warum verlieren manche Menschen mit diesen Medikamenten deutlich mehr Gewicht als andere?

Die individuelle Reaktion hängt von genetischen Faktoren, Ausmaß der Insulinresistenz, Darmhormonen, Essverhalten und Ausgangsgewicht ab. Nicht jeder Körper reagiert gleich stark auf die hormonelle Modulation.

4. Kann eine begleitende Veränderung des Lebensstils die Wahrscheinlichkeit verringern, nach dem Absetzen wieder zuzunehmen?

Ja, Personen, die Ernährung, Bewegung und Schlafverhalten nachhaltig verändern, haben bessere Chancen, das Gewicht auch nach dem Ende der Therapie stabil zu halten.

5. Warum werden diese Medikamente oft als „Game Changer“ in der Adipositas-Therapie bezeichnet?

Weil sie erstmals direkt in die hormonelle Gegenregulation eingreifen, die bisher viele Diäten scheitern ließ. Sie adressieren also einen biologischen Mechanismus, nicht nur das Verhalten.

6. Gibt es Personengruppen, für die diese Medikamente ausdrücklich nicht geeignet sind?

Ja, dazu zählen unter anderem Personen mit bestimmten Schilddrüsenerkrankungen, schweren Magen-Darm-Erkrankungen oder Pankreatitis in der Vorgeschichte. Eine ärztliche Abklärung ist daher zwingend erforderlich.

 

Weitere Informationen zu Stoffwechselstörungen und vielen anderen Themen finden Sie in den Beiträgen unseres Blogs, den Bänden unseres „Codex Humanus“ und der Reihe „Medizinskandale“. Besuchen Sie gerne unseren Online-Shop.

 

Quellen:

·       U.S. Food and Drug Administration (2017): „Ozempic (semaglutide) injection – Prescribing Information“ (Label)

·       U.S. Food and Drug Administration (2021): „Wegovy (semaglutide) injection – Prescribing Information“ (Label)

·            https://www.fortunebusinessinsights.com/anti-obesity-drugs-market-104783

·            https://www.fortunebusinessinsights.com/industry-reports/diabetes-drugs-market-100570

·       U.S. Food and Drug Administration (2022): „Mounjaro (tirzepatide) injection – Prescribing Information“ (Label).

·       U.S. Food and Drug Administration (2023): „Zepbound (tirzepatide) – Prescribing Information“ (Label).

·       Drucker, D. J. (2018): „Mechanisms of Action and Therapeutic Application of Glucagon-like Peptide-1“, Cell Metabolism.

·       Jastreboff, A. M. et al. (2022): „Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity“, New England Journal of Medicine.

·       Wilding, J. P. H. et al. (2021): „Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity“, New England Journal of Medicine.

·       Rubino, D. et al. (2022): „Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide: The STEP 1 trial extension“, Diabetes, Obesity and Metabolism.

·       U.S. Food and Drug Administration (2019): „Rybelsus (semaglutide) tablets – Prescribing Information“ (Label).

·       Novo Nordisk (2023): Wegovy® (Semaglutid) – Fachinformation, Stand: 04/2023.

·       Eli Lilly and Company (2025): Mounjaro® (Tirzepatid) – Fachinformation, Stand: 10/2025.

·       Sozialgesetzbuch (SGB V) – § 34.

·       Versicherungsvertragsgesetz (VVG) – § 192 Abs. 1.