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Migräne behandeln: Welche natürlichen Substanzen wirklich helfen

Für die meisten Menschen ist Migräne ein längerfristiges Problem. Viele Betroffene suchen deshalb nach pflanzenbasierten und mikronährstoffgestützten Strategien, um die Häufigkeit und Intensität ihrer Attacken zu reduzieren, ohne Schmerzmittel einnehmen zu müssen. Eine Einordnung der Mechanismen, die Migräne-Erkrankungen zugrunde liegen, finden Sie in unserem vorherigen Beitrag. Und es gibt gute Nachrichten: Die Wirksamkeit einiger Substanzen ist durch randomisierte Studien belegt. Eine weniger gute Nachricht: Nicht alles, was in Ratgebern kursiert, ist evidenzbasiert.

In diesem Beitrag geht es daher nicht um Wunschdenken, sondern um fundiertes Wissen rund um Phytotherapien und mehr.

 

Von Mikronährstoffen bis Pflanzen: Natürliche Wirkstoffe zwischen traditioneller Überlieferung und wissenschaftlicher Überprüfbarkeit

Pflanzliche Wirkstoffe und naturheilkundliche Ansätze werden bei Migräne häufig als Ergänzung zur medikamentösen Therapie eingesetzt. Doch nicht bei jeder „natürlichen“ Substanz ist Wirksamkeit wissenschaftlich belegt. Während einige Pflanzenstoffe und Mikronährstoffe oder Hormone in randomisierten Studien zur Migräne-Prophylaxe oder Akut-Therapie untersucht wurden, beruht vieles andere vor allem auf Erfahrungsmedizin.

Die folgende Übersicht konzentriert sich daher ausschließlich auf Substanzen, für die reale Studien zur Migräne vorliegen – inklusive Einordnung der Evidenz und typischer Dosierungen:

·       Vitamin B2 (Riboflavin): Mitochondriale Energie für das Gehirn

Bei Migräne wird häufig eine gestörte Energieversorgung im Gehirn vermutet. Nervenzellen geraten dadurch schneller in ein energetisches Defizit, werden übererregbar und anfälliger für Migräne-Attacken. Riboflavin ist ein zentraler Cofaktor der mitochondrialen Atmungskette (über FMN und FAD) und kann die ATP-Bildung verbessern. Eine stabilere Energieversorgung der Nervenzellen kann die Reizschwelle erhöhen und so die Häufigkeit von Attacken reduzieren.

Eine randomisierte, placebo-kontrollierte Studie zeigte, dass 400 mg täglich über drei Monate die Häufigkeit von Attacken signifikant reduzieren können (Schoenen et al., 1998)


·       Vitamin-B-Komplex (B6, B9, B12): Für Gefäße, gegen Homocystein und Migräne mit Aura

Dies Vitamine senken das Homocystein im Blut. Erhöhtes Homocystein wird mit Migräne mit Aura in Verbindung gebracht, weil es Gefäße, Nervenzellen und Entzündungsprozesse beeinflussen kann. Niedrigeres Homocystein hingegen kann Gefäßfunktionen im Gehirn stabilisieren und übermäßige neuronale Erregbarkeit reduzieren – beides wichtige Faktoren bei Attacken mit vorangegangener Aura. Zudem unterstützt Vitamin B6 die Bildung von Neurotransmittern (z. B. Serotonin), die an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind. Folsäure und B12 verbessern die Methylierung, die für Nervenfunktion und Gehirnstoffwechsel wichtig ist.

In einer randomisierten Studie bei Migräne mit Aura führte die tägliche Supplementierung von 25 mg Vitamin B6, 2 mg Folsäure und 400 µg Vitamin B12 zu einer signifikanten Reduktion der Attacken und der migränebedingten Beeinträchtigung (Lea et al., 2009).


·       Coenzym Q10: Mitochondriale Unterstützung zur Prophylaxe

Coenzym Q10 unterstützt die mitochondriale Energieproduktion (ATP) in den Nervenzellen. Durch die Verbesserung der mitochondrialen Funktion kann Coenzym Q10 die Energieverfügbarkeit stabilisieren, die neuronale Übererregbarkeit reduzieren und damit die Häufigkeit von Attacken senken. Zusätzlich wirken seine antioxidativen Eigenschaften gegen oxidativen Stress, der ebenfalls an der Migräneentstehung beteiligt ist, was den präventiven Effekt weiter plausibel macht.

Es wurde festgestellt, dass die Einnahme von 300 mg täglich zu einer signifikanten Reduktion der Migränehäufigkeit im Vergleich zu einem Placebo führen kann (Sándor et al., 2005).


·       Ingwer: Pflanzliche Option bei akuten Migräne-Attacken

Ingwer (Zingiber officinale) ist Arzneipflanze des Jahres 2026. Seine Inhaltsstoffe, insbesondere Gingerole und Shogaole, zeigen entzündungshemmende wie auch antioxidative Eigenschaften und können in Prostaglandin- und Serotonin-vermittelte Signalwege eingreifen, die an der Entstehung von Attacken beteiligt sind. Ingwer verändert nicht primär die neuronale Erregbarkeit langfristig, wirkt also nicht hauptsächlich prophylaktisch, sondern beeinflusst eher in einer akuten Phase Schmerzverarbeitung, Entzündungsreaktionen und das Auftreten von Übelkeit.

In einer randomisierten klinischen Studie führte die Einnahme von 250 mg Ingwerpulver bei akuter Migräne zu einer signifikanten Schmerzreduktion, die mit der Wirkung von Sumatriptan vergleichbar war, bei gleichzeitig geringerer Nebenwirkungsrate (Maghbooli et al., 2014).


·       Magnesium: Der bei Migräne am besten belegte Mikronährstoff

Eine mangelhafte Versorgung mit Magnesium kann die neuronale Übererregbarkeit erhöhen und die sog. kortikale Spreading Depression begünstigen, die insbesondere bei Migräne mit Aura eine Rolle spielt. Zudem beeinflusst Magnesium NMDA-Rezeptoren, Calcium-Kanäle und die Neurotransmitter-Freisetzung, wodurch es stabilisierend auf die neuronale Signalübertragung wirken kann. Durch diese Mechanismen kann Magnesium eine prophylaktische Wirkung haben, nicht jedoch akute Schmerzen hemmen.

Eine Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien zeigt, dass sowohl orales als auch intravenöses Magnesium die Häufigkeit und Intensität von Attacken reduzieren kann. Orale Dosierungen lagen in Studien meist im Bereich von ca. 400 – 600 mg elementarem Magnesium pro Tag (Chiu et al., 2016).


·       Melatonin: Der Schlaf als unterschätzter Faktor

Da Migräne häufig mit Schlafstörungen, gestörten Tagesrhythmen und erhöhter Reizempfindlichkeit einhergeht, gilt eine Stabilisierung des circadianen Systems als biologisch plausibler Ansatz. Das Schlafhormon Melatonin wirkt zudem antioxidativ und moduliert neurovaskuläre sowie entzündliche Prozesse, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sein können.

Die abendliche Einnahme von 3 mg über mehrere Monate führte, wie Studien belegen, zu einer signifikanten Reduktion von Migräne. Dabei wurde Melatonin mit einem Placebo und Amitriptylin, einem Antidepressivum, das zur Linderung von Migräne verschrieben wird, verglichen. Das Melatonin erwies sich als wirksam und nebenwirkungsärmer als die genannten Substanzen (Gonçalves et al., 2016).


·       Mutterkraut: Die standardisierte Migräne-Phytotherapie

Pharmakologisch wird vor allem der Inhaltsstoff Parthenolid diskutiert, der entzündungsmodulierende Effekte zeigt und in serotonerge sowie neurovaskuläre Prozesse eingreifen kann, die an der Migräne-Entstehung beteiligt sind.

Nicht das getrocknete Kraut an sich, sondern ein standardisierter CO₂-Extrakt (MIG-99) wurde in klinischen Studien untersucht. In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Multicenter-Studie führte die Einnahme von 6,25 mg des standardisierten Extrakts dreimal täglich zu einer signifikanten Reduktion der Migräne-Häufigkeit im Vergleich zu Placebo (Diener et al., 2005). Doch die Evidenz zu Mutterkraut ist heterogen. Während standardisierte Extrakte in kontrollierten Studien positive Effekte zeigen, sind Ergebnisse zu nicht standardisierten Präparaten uneinheitlich. Daher gilt Mutterkraut als ergänzender phytotherapeutischer Ansatz mit moderater Evidenz in der Migräne-Prophylaxe.


·       Omega-3-Fettsäuren: Entzündungsregulation durch Ernährung

Die langkettigen Fettsäuren EPA und DHA beeinflussen die Zusammensetzung neuronaler Zellmembranen, die Signalübertragung im Nervensystem sowie die Bildung entzündungsmodulierender Mediatoren.

Eine gezielte Ernährungsumstellung mit erhöhter Zufuhr von EPA und DHA bei gleichzeitiger Reduktion von Omega-6-Fettsäuren führt zu einer signifikanten Reduktion der Migräne-Häufigkeit (Ramsden et al., 2021). Zudem zeigen Studien, dass nicht allein die absolute Omega-3-Zufuhr, sondern insbesondere das Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6-Fettsäuren entscheidend sein kann. Daher sind Omega-3-Fettsäuren ein ganzheitlicher, ernährungsmedizinischer Aspekt der Migräne-Prophylaxe.

 

Fazit: Was natürliche Wirkstoffe gegen Migräne leisten

Pflanzliche Wirkstoffe, aber auch bestimmte Nährstoffe oder das Hormon Melatonin können bei Migräne eine sinnvolle Ergänzung sein – vor allem in der Prophylaxe. Ausgewählte Mikronährstoffe und phytotherapeutische Ansätze können die Häufigkeit des Auftretens einer Migräne und die Belastbarkeit des Nervensystems positiv beeinflussen, wenn sie ausreichend dosiert und über mehrere Wochen eingesetzt werden.

Entscheidend ist jedoch die richtige Einordnung: Die Wirksamkeit hängt von geprüften Dosierungen, standardisierten Extrakten und der Auswahl ab. Realistisch betrachtet liegt die Stärke pflanzlicher Wirkstoffe bei Migräne vor allem in der langfristigen Stabilisierung – etwa von Schlafrhythmus, Reizverarbeitung, Stressreaktion und entzündlichen Prozessen.

 

FAQ – (weitere) häufig gestellte Fragen zu Komplementärmedizin und Phytotherapien bei Migräne

1. Wie lange sollte man pflanzenbasierte Therapie bei Migräne ausprobieren, bevor man sich ein Urteil bildet?

Die meisten Studien liefen über etwa drei Monate. Eine Bewertung ist meist erst nach mehreren Wochen sinnvoll.

2. Sind Pflanzenstoffe automatisch sicherer als Medikamente?

Nein, auch pflanzliche Extrakte können Neben- oder Wechselwirkungen verursachen. Standardisierung ist entscheidend und die hier aufgelisteten Substanzen sind i. d. R. neben- und wechselwirkungsarm.

3. Darf man also mehrere Substanzen kombinieren?

Teilweise ja, jedoch sollte dies ggf. ärztlich abgestimmt werden, um Überdosierungen oder unerwünschte Effekte zu vermeiden.

4. Welche weiteren komplementären Maßnahmen können bei Migräne sinnvoll sein?

Viele nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle in der Migräne-Prophylaxe:

Für Akupunktur liegen systematische Übersichten vor, die zeigen, dass sie die Häufigkeit und Intensität von Attacken reduzieren kann, wobei die Effekte in einigen Studien mit klassischen prophylaktischen Maßnahmen vergleichbar waren (Linde et al., 2016).

Auch Meditationen und Yoga zielen auf die Regulation von Stress, Reizverarbeitung und vegetativem Nervensystem ab. Da Stress, Schlafstörungen und Überreizung zu den häufigsten Migräne-Triggern zählen, können regelmäßige Achtsamkeitsübungen, Atemtechniken und Yoga langfristig zur Minderung der Anfälligkeit beitragen. Studien zeigen, dass insbesondere achtsamkeitsbasierte Verfahren und yogabasierte Programme die Krankheitslast reduzieren können, wenn sie regelmäßig angewendet werden (Wells et al., 2021; Kumar et al., 2020).

 

In unserem nächsten Beitrag geht es um eine Krankheit mit einer sehr hohen Dunkelziffer … Weitere Informationen zu Migräne und vielen anderen Themen finden Sie neben dem Blog in den Bänden unseres „Codex Humanus“ und der Reihe „Medizinskandale“. Besuchen Sie gerne unseren Online-Shop.

 

Quellen:

·       Schoenen, J. et al. (1998): „Effectiveness of high-dose riboflavin in migraine prophylaxis: a randomized controlled trial“, Neurology.

·       Lea, R. A. et al. (2009): „The effects of vitamin supplementation and MTHFR (C677T) genotype on homocysteine-lowering and migraine disability“, Pharmacogenetics and Genomics.

·       Sándor, P. S. et al. (2005): „Efficacy of coenzyme Q10 in migraine prophylaxis: a randomized controlled trial“, Neurology.

·       Niedenthal, T. (05.01.2026): „Ingwer (Zingiber officinale ROSCOE) – Arzneipflanze des Jahres 2026“, Arzneipflanzengarten / Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie (IPBP), Universität Münster.

·       Maghbooli, M. et al. (2014): „Comparison between the efficacy of ginger and sumatriptan in the ablative treatment of the common migraine“, Phytotherapy Research.

·       Chiu, H. Y. et al. (2016): „Effects of Intravenous and Oral Magnesium on Reducing Migraine: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials“, Pain Physician.

·       Gonçalves, A. L. et al. (2016): „Randomised clinical trial comparing melatonin 3 mg, amitriptyline 25 mg and placebo for migraine prevention“, Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry.

·       Diener, H. C. et al. (2005): „Efficacy and safety of 6.25 mg t.i.d. feverfew CO₂-extract (MIG-99) in migraine prevention: a randomized, double-blind, multicentre, placebo-controlled study“, Cephalalgia.

·       Ramsden, C. E. et al. (2021): „Dietary alteration of n-3 and n-6 fatty acids for headache reduction in adults with migraine: randomized controlled trial“, BMJ.

·       Linde, K. et al. (2016): „Acupuncture for the prevention of episodic migraine“, Cochrane Database of Systematic Reviews,

·       Wells, R. E.; O’Connell, N.; Pierce, C. R. et al. (2021): „Effectiveness of Mindfulness Meditation vs Headache Education for Adults With Migraine: A Randomized Clinical Trial“, JAMA Internal Medicine.

·       Kumar, A. et al. (2020): „Effect of yoga as add-on therapy in migraine (CONTAIN): A randomized clinical trial“, Neurology.