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Migräne: Formen, Symptome, Umgang – und Unterschiede bei Frauen und Männern

Wiederkehrenden Attacken auf das Nervensystem, quälender Kopfschmerz, veränderte Wahrnehmung von Lärm und/oder Licht, Gleichgewichtsstörungen, Überreizung des Magen-Darm-Systems. Kurz: Migräne. Sie ist auch ein klassisches Beispiel dafür, wie Gender-Data-Gaps dazu führt, dass Symptome fehlgedeutet, Diagnosen verzögert und Therapien unterschiedlich bewertet werden.

Dies ins rechte Licht zu rücken – darum geht es im heutigen Beitrag.

 

Was heißt „Migräne“? – Wortherkunft und Forschungsstand

Der Begriff Migräne geht auf das griechische „hemikrania“ („halber Schädel“) zurück. Der Ausdruck beschreibt die schon in der Antike beobachteten, typischen halbseitigen Kopfschmerzen. (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch).

Noch bis in die 1990er Jahre nahm man an, der Grund für diese Schmerzen sei, dass sich Blutgefäße im Kopf zunächst verengen und anschließend stark erweitern – und dass diese Gefäßveränderungen die Schmerzen auslösen. Mit Hilfe moderner Bildgebung wurde erkannt, dass Migräne primär eine Störung der neuronalen Reizverarbeitung ist und Gefäßreaktionen eher Begleiterscheinungen sind. Eine zentrale Rolle spielt die sogenannte „kortikale spreading depression“, eine sich ausbreitende elektrische Aktivitätswelle in der Hirnrinde, die u. a. Auren erklären kann und mit Veränderungen in Schmerz- und Gefäß-Regulation einhergeht (Charles, 2018).

 

Formen von Migräne

Medizinisch gesehen handelt es sich um einen Oberbegriff. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet mehrere Formen, die sich in Symptomatik und Verlauf klar unterscheiden (ICHD-3, 2018):


·       Migräne mit Aura: Erst neurologische Beschwerden, dann Kopfschmerz

Eine Aura ist ein Vorbote neurologischer Ereignisse, Symptome sind Sehstörungen (Flimmern, Zickzacklinien, Gesichtsfeldausfälle), möglich sind auch Sensibilitätsstörungen oder Sprachprobleme. Die Aura entwickelt sich langsam über Minuten und bildet sich vollständig zurück, sie sieht quasi vorüber. Daher die Wortwahl: Aura ~ Hauch. Doch danach zieht meist ein Sturm auf, denn der Aura folgt der Kopfschmerz.


·       Migräne ohne Aura: Die häufigste Form

Kennzeichnend sind mittelstarke bis starke, meist einseitige, pulsierende Kopfschmerzen, die sich bei Bewegung verstärken und von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Eine Attacke dauert typischerweise 4 bis 72 Stunden.


·       Menstruationsassoziierte Migräne

Sie tritt regelmäßig im zeitlichen Zusammenhang mit der Menstruation auf und gehört definitionsgemäß zur Migräne ohne Aura, ist jedoch häufig intensiver, länger anhaltend und schlechter auf Medikamente ansprechend. Ursächlich sind u. a. Östrogen-Schwankungen.


·       Chronische Migräne

Bei dieser Form bestehen Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat über mehr als 3 Monate hinweg, davon an mindestens 8 Tagen mit Migräne-Charakter. Häufig entsteht diese Form aus einer zuvor episodischen Migräne.


·       Migräne mit Hirnstamm-Aura (früher „Basilaris-Migräne“ genannt)

Dies ist eine seltene Form, bei der Symptome wie Schwindel, Doppelbilder, Sprechstörungen oder Koordinationsprobleme auftreten, was auf eine Beteiligung des Hirnstamms hindeutet.


·       Hemiplegische Migräne

Eine sehr seltene Form mit vorübergehenden Lähmungserscheinungen auf einer Körperseite. Sie kann familiär auftreten (genetisch bedingt).

 

Migräne: Ein Parade-Beispiel für die Gender-Data-Gap

Obwohl Migräne überwiegend Frauen betrifft, wurden viele ältere klinische Studien zu Pathophysiologie, Medikamenten und Prophylaxe überwiegend an Männern oder ohne geschlechtsspezifische Auswertung durchgeführt. Dieser Umstand wird in Übersichtsarbeiten ausdrücklich kritisiert (Vetvik & MacGregor, 2017).

Ähnliche Symptome werden unterschiedlich und/oder falsch bewertet

Die Möglichkeiten zur Fehldeutung sind vielfältig.

Typische Beschwerden sind:

·       Aura

·       Übelkeit

·       Licht- und Geräuschempfindlichkeit

·       Erschöpfung


Studien zeigen, dass Männer und Frauen Migräne unterschiedlich erleben und schildern: Während Männer neurologische Symptome, Schmerzintensität und Dauer der Attacken im Vergleich zu Frauen oft als weniger belastend beschreiben und deshalb nicht als an Migräne leidend diagnostiziert werden, werden von Frauen geschilderte Beschwerden schnell als psychosomatisch oder hormonell bedingt eingeordnet. Dass Östrogenschwankungen Migräne beeinflussen können, ist gut belegt. Historisch führte dieses Wissen jedoch dazu, Migräne als „Frauen-Hormonproblem“ einzuordnen, statt als neurologische Erkrankung mit hormoneller Modulation ... Oder aber Männer wie Frauen werden mit der Fehldiagnose Spannungskopfschmerz konfrontiert, da beide Diagnosen nicht ohne Weiteres voneinander abzugrenzen sind. Eine gründliche Anamnese ist jedoch absolut notwendig, da Migräne nicht über bildgebende Verfahren (wie z. B. MRT) oder Bluttests diagnostiziert wird (Vetvik & MacGregor, 2017; Buse et al., 2013; Kaniecki, 2002).

Medikamenten-Studien blind für geschlechtsspezifische Unterschiede

Viele prophylaktische Migräne-Studien differenzieren ihre Ergebnisse nicht nach Geschlecht, obwohl Frauen die Hauptbetroffenengruppe sind (van Casteren et al., 2021; Alonso-Moreno et al., 2023).

Das bedeutet, dass wir bis heute wenig darüber wissen, ob Dosierung, Wirkung oder Nebenwirkungen bei Frauen anders sein sollten bzw. sind. Kaum ein anderes Krankheitsbild zeigt die Gender-Data-Gap so vollständig.

 

Migräne-Medikamente: Nur begrenzt wirksam

Bei der Migräne-Behandlung kommen – je nach Situation – Akutmedikamente und prophylaktische Medikamente zum Einsatz. Beide Strategien verfolgen unterschiedliche Ziele innerhalb der Migräne-Therapie.

Akutmedikamente wie Triptane und NSAR (z. B. Ibuprofen, Naproxen) werden während einer laufenden Migräne-Attacke eingesetzt.

Triptane wirken gezielt an Serotonin-Rezeptoren (5-HT1B/1D), hemmen die Weiterleitung von Schmerz-Signalen im trigeminovaskulären System und können entzündliche Prozesse, die für Migräne typisch sind, reduzieren.

NSAR wirken vor allem entzündungshemmend und schmerzlindernd. Studien zeigen, dass diese Medikamente eine Attacke deutlich abschwächen oder verkürzen können, wenn sie frühzeitig eingenommen werden (Goadsby et al., 2017).

Zur Migräne-Prophylaxe werden Medikamente eingesetzt, die die Reizschwelle des Nervensystems beeinflussen und dadurch die Häufigkeit und teilweise auch die Intensität von Migräne-Attacken reduzieren können. Zu den am besten untersuchten Wirkstoffen zählen Betablocker (z. B. Metoprolol, Propranolol), Topiramat und Amitriptylin. Diese Substanzen werden seit Jahren in Leitlinien zur Migräne-Vorbeugung empfohlen (Silberstein, 2015).

Neuere Therapien setzen am CGRP-Signalweg an, der eine zentrale Rolle in der Migräne-Pathophysiologie spielt. Sog. CGRP-Antikörper können die Zahl der Migräne-Tage pro Monat signifikant senken und gelten als wichtige Erweiterung der Migräne-Prophylaxe, insbesondere bei häufigen Attacken (Edvinsson, 2019).

Wichtig ist: Diese Medikamente verändern nicht automatisch Faktoren wie Schlafqualität, Stressverarbeitung oder individuelle Trigger, die das Nervensystem im Alltag zusätzlich belasten.

 

Ganzheitliche Maßnahmen, die das Nervensystem stabilisieren

o   Bewegung: Regelmäßige moderate Bewegung wirkt prophylaktisch

o   Schlafhygiene: Regelmäßige Schlafzeiten reduzieren Attackenhäufigkeit

o   Reize: Licht, Lärm und Bildschirmzeit bewusst steuern

Neben Medikamenten spielen nicht-medikamentöse Verfahren in der Migräne-Therapie eine zunehmend wichtige Rolle. Besonders gut untersucht sind Entspannungsverfahren, Biofeedback und verhaltenstherapeutische Ansätze. Ziel ist es, die neuronale Reizverarbeitung zu stabilisieren und Stressreaktionen des autonomen Nervensystems zu regulieren.

o   Atemübungen – insbesondere langsame, rhythmische Atmung – können die parasympathische Aktivität fördern und so vegetative Übererregung reduzieren. Zwar existieren weniger isolierte Atemstudien als zu anderen Verfahren, doch Atemtechniken sind integraler Bestandteil evidenzbasierter Entspannungsprogramme (Andrasik, 2010).

o   Biofeedback gilt als eines der am besten untersuchten nicht-medikamentösen Verfahren bei Migräne. Dabei lernen Betroffene, Muskelspannung, Hauttemperatur oder Gefäßreaktionen bewusst zu beeinflussen. Mehrere kontrollierte Studien zeigen, dass Biofeedback die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren kann (Nestoriuc et al., 2008).

o   Kognitive Verhaltenstherapie, Stressbewältigungstraining und progressive Muskelrelaxation können die Häufigkeit von Attacken und die Belastung im Alltag messbar reduzieren. Anders als Medikamente wirken sie nicht direkt auf den Schmerz, sondern setzen früher an: Sie helfen dabei, Stressreaktionen zu regulieren, Reizüberflutung besser zu bewältigen und den eigenen Umgang mit Attacken zu verändern. Kognitive Verhaltenstherapie unterstützt dabei, belastende Denk- und Reaktionsmuster zu erkennen und zu verändern. Stressbewältigungstraining vermittelt Strategien für den Umgang mit beruflichem oder emotionalem Druck. Die progressive Muskelrelaxation senkt nachweislich die körperliche Anspannung und wirkt beruhigend auf das autonome Nervensystem. Auf diese Weise kann die „Reizschwelle“ des Gehirns stabilisiert werden (Stubberud et al., 2018).

Diese Verfahren greifen nicht direkt in die Schmerzverarbeitung ein wie Medikamente, sondern setzen bei der Reizregulation, Stressverarbeitung und neuronalen Sensitivierung an – also genau dort, wo das Migränegehirn besonders empfindlich reagiert.

 

In unserem nächsten Beitrag werden wir ausführlich darauf eingehen, welche Phytotherapien Sie erfolgreich gegen Migräne einsetzen können.

 

Noch etwas Wichtiges zum Schluss: Ist der Heißhunger auf Süßes Auslöser oder Warnsignal?

Viele Betroffene berichten, dass sie Stunden vor einer Migräne-Attacke ein starkes Verlangen nach Schokolade oder süßen Lebensmitteln verspüren. Dieses Verlangen wird heute nicht mehr vorschnell als „Auslöser“ gewertet. Vielmehr zählt es zu den typischen Zeichen der Prodromalphase – also der frühen Phase einer Attacke, die dem eigentlichen Kopfschmerz vorausgeht. In dieser Phase zeigen bildgebende Studien eine veränderte Aktivität u. a. im Hypothalamus, einem Hirnareal, das Appetit, Energiehaushalt und Reizverarbeitung steuert (Charles, 2018).

Das bedeutet: Der Wunsch nach Süßem entsteht nicht zufällig, sondern ist Teil der bereits beginnenden neurologischen Veränderung. Er signalisiert, dass die Attacke gewissermaßen schon „angelaufen“ ist, noch bevor der Schmerz wahrgenommen wird. Wer dieses Muster bei sich erkennt, kann es daher als Warnsignal verstehen. Im übrigen ist wissenschaftlich nicht belegt, dass es schädlich wäre, diesem Verlangen nachzugeben. Eine gute Nachricht für Fans des Naschens ...

 

Fazit: Niemand muss Migräne einfach hinnehmen

Frauen wie Männer sollten mit ihren Beschwerden ernst genommen werden, denn Migräne ist ein sensibles Zusammenspiel aus Reizverarbeitung im Nervensystem, Hormonen, und Alltagsgestaltung. Wer Migräne wirklich verstehen und behandeln möchte, muss deshalb genau dort ansetzen – bei einem ganzheitlichen Behandlungsansatz, nur bei Medikamenten.

 

FAQ – häufige Fragen zu Migräne

1. Warum beginnen Attacken oft morgens oder am Wochenende?

Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus gelten als häufiger Trigger (Auslöser), da das Migränegehirn sensibel auf Abweichungen in Schlafdauer und Schlafqualität reagiert.

2. Warum helfen Dunkelheit und Ruhe oft?

Während einer Aattacke reagiert das Gehirn überempfindlich auf Licht, Geräusche und Reize. Reizarme Umgebung kann diese Überlastung spürbar reduzieren.

3. Kann Ernährung die Migräne beeinflussen?

Ja, unregelmäßige Mahlzeiten und starke Blutzuckerschwankungen werden als mögliche Trigger beschrieben.

4. Woran erkennt man die Prodromalphase?

Typische frühe Anzeichen sind Müdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme – und bei vielen Betroffenen Heißhunger auf Süßes.

 

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Quellen:

·       Pschyrembel, W. (Hrsg.): „Pschyrembel Klinisches Wörterbuch“, Walter de Gruyter

·       Charles, A. (2018): „The pathophysiology of migraine: implications for clinical management“, The Lancet Neurology.

·       Headache Classification Committee of the International Headache Society (2018): „The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3)“, Cephalalgia.

·       Vetvik, K. G.; MacGregor, E. A. (2017): „Sex differences in the epidemiology, clinical features, and pathophysiology of migraine“, The Lancet Neurology.

·       Buse, D. C. et al. (2013): „Sex Differences in the Prevalence, Symptoms, and Associated Features of Migraine“, Headache.

·       Kaniecki, R. G. (2002): „Migraine and tension-type headache: an assessment of challenges in diagnosis“, Neurology.

·       van Casteren, D. S. et al. (2021): „Sex differences in response to triptans: a systematic review and meta-analysis“, Neurology.

·       Alonso-Moreno, M. et al. (2023): „Gender bias in clinical trials of biological agents for migraine: a systematic review“, PLoS ONE.

·       Goadsby, P. J. et al. (2017): „Pathophysiology of migraine: A disorder of sensory processing“, Physiological Reviews.

·       Silberstein, S. D. (2015): „Preventive migraine treatment“, Continuum (Minneap Minn).

·       Edvinsson, L. (2019): „The CGRP pathway in migraine as a viable target for therapies“, Headache.

·       Andrasik, F. (2010): „Behavioral treatment of migraine“, Neurologic Clinics.

·       Nestoriuc, Y.; Martin, A.; Rief, W.; Andrasik, F. (2008): „Biofeedback treatment for headache disorders: a comprehensive efficacy review“, Applied Psychophysiology and Biofeedback.

·       Stubberud, A.; Linde, M. (2018): „Cognitive behavioral therapy for migraine: a systematic review“, The Journal of Headache and Pain.