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Die USA drücken Arzneimittelpreise – für Deutschland kann das (dank Pharma-Lobbyisten) teuer werden

Jahrzehntelang waren die USA der Hochpreismarkt für Medikamente. Genau diese extrem hohen Preise machten es für Hersteller möglich, in Europa niedrigere Preise zu akzeptieren. Doch mit neuen staatlichen Preisverhandlungen in den USA verändert sich dieses Gleichgewicht. Gesundheitsökonomen weisen deshalb darauf hin: Wenn der wichtigste Gewinnmarkt der Welt seine Preise senkt, steigt der wirtschaftliche Druck auf andere Länder – und Deutschland gehört dabei zu den zentralen Märkten.

Dem „Abnehmspritzen“-Beitrag können Sie die hohen Preise für GLP-1-Präparate entnehmen, wie auch, dass in den USA noch weit höhere Preise abgerufen werden. Nun erfahren Sie, wie sich die Preise für Pharma-Produkte auf dem US-Markt ändern sollen und warum dies zu steigenden Preisen auf dem deutschen Markt führen kann.

 

Die USA als teuerster Arzneimittelmarkt

Internationale Vergleiche zeigen seit Jahren, dass Medikamente in den USA deutlich teurer verkauft werden als in Europa. Genau dieser Umstand spielte in der globalen Preisstrategie der Hersteller eine zentrale Rolle: Hohe US-Preise erlaubten es, in anderen Ländern niedrigere Preise zu akzeptieren, ohne die Gesamtprofitabilität zu gefährden.

 

Der politische Wille, dies zu ändern

Mit dem Inflation Reduction Act, einem seit 2022 geltenden US-Gesetz (welches viele verschiedene Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung enthält) ist es dem staatlichen Medicare-System erstmals erlaubt, direkte Preisverhandlungen für bestimmte Medikamente zu führen.

Die zuständige Behörde veröffentlichte dazu ein offizielles Factsheet mit der ersten Liste ausgewählter Arzneimittel, für die Preise verhandelt werden (Centers for Medicare & Medicaid Services, 2023).

Der Commonwealth Fund, eine unabhängige, gemeinnützige US-Stiftung, die Analysen, Studien und internationale Vergleiche zur Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen erstellt, beschreibt diese Neuerung als grundlegende Veränderung der bisherigen US-Preislogik, weil damit erstmals staatliche Verhandlungsmacht aufgebaut wurde (Commonwealth Fund, 2025).

 

Warum Europa betroffen ist

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erläutert, dass durch internationale Preisreferenzierung Preisänderungen in einem großen Markt Druck auf andere Märkte ausüben können (OECD, 2018).

Gesundheitsökonomen sprechen hier von einem Spillover-Effekt.

 

Warum der deutsche Markt besonders relevant ist

Deutschland ist für Pharma-Unternehmen ein Schlüsselmarkt in Europa, weil:

·       ein früher Marktzugang möglich ist,

·       die gesetzliche Krankenversicherung sehr groß ist,

·       Preise nach dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) international beobachtet und teilweise als Referenz genutzt werden.

 

Die Preisbildung erfolgt über:

·       Nutzenbewertung nach §35a SGB V

·       Erstattungsbetragsverhandlungen nach §130b SGB V.

Der Erstattungsbetrag gilt erst ab dem siebten Monat nach Markteintritt.


Für Orphan Drugs (gemeint sind Medikamente gegen seltene Krankheiten, zu denen auch die sog. vernachlässigten tropischen Krankheiten zählen) beschreibt der Gemeinsame Bundesausschuss, das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, dass eine reguläre Nutzenbewertung erst nach Überschreiten der Umsatzgrenze von 30 Mio. Euro erfolgt (G-BA, 2024). Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, welches wissenschaftliche Bewertungen für den G-BA erstellt, erläutert dazu, dass die preisregulierende Wirkung oft erst später greift. Bis dahin können Orphan Drugs also deutlich teurer sein als andere Medikamente (IQWiG, 2024).

Solche Mechanismen gewinnen an Bedeutung, weil Hersteller versuchen müssen, weggefallene US-Gewinne in anderen Märkten auszugleichen – und das nicht nur bei weniger nachgefragten Medikamenten.

 

Pharma-Lobbyisten: Umtriebige „Vertreter“ in den USA ... und auch in Deutschland

In den USA müssen Lobbyisten seit Mitte der 1940er Jahre offiziell registriert sein. Auswertungen dieser Register durch das Center for Responsive Politics zeigen seit Jahren, dass im Bereich Pharma und Gesundheitsprodukte regelmäßig weit mehr als 1.000 registrierte Lobbyisten verschiedener internationaler Pharma-Riesen aktiv sind, die den Kongress adressieren. So waren im Jahr 2018 insgesamt 1.451 registrierte Lobbyisten für Interessen der Pharma- und Gesundheitsprodukte-Industrie in Washington tätig. Bei 535 Mitgliedern des US-Kongresses entspricht das rund 2,7 Lobbyisten pro Volksvertreter (OpenSecrets, 2018).

Man muss sich mal bildlich vorstellen, wie drei Lobbyisten versuchen, einen Abgeordneten in ihrem Sinne zu beeinflussen! Während sich dieser Lobby-Druck rechnerisch klar darstellen lässt, ist die Situation in Deutschland eine andere.

Erst seit 2022 führt der Deutsche Bundestag ein verpflichtendes Lobbyregister, in dem Interessen-Vertreter aller Branchen erfasst sind. Zuvor war die Eintragung freiwillig – und auch das muss man sich mal vorstellen! In dem Register sind auch pharmazeutische Akteure wie etwa der Verband Forschender Arzneimittelhersteller, der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie sowie große Unternehmen wie Bayer, Pfizer, Roche oder Novartis mit ihren deutschen Vertretungen eingetragen (Lobbyregister des Deutscher Bundestages, Stand 2025). Zählt man die dort gemeldeten Interessen-Vertreter zusammen, kommt man auf eine niedrige dreistellige Zahl, die sich mit Bundespolitik befasst. Bei derzeit 736 Bundestagsabgeordneten ergibt das rechnerisch deutlich unter 0,2 Pharma-Lobbyisten pro Abgeordnetem.

Der Unterschied ist im System begründet:

In den USA wird Gesundheitspolitik sehr stark direkt auf Ebene des Kongresses entschieden – etwa wenn es um die Frage geht, ob staatliche Programme Preise verhandeln dürfen.

In Deutschland zielt die Arbeit der Lobbyisten weniger auf einzelne Abgeordnete, sondern auf Gesetzesdetails, Fristen, Ausnahmen und Bewertungsmaßstäbe, die später den Preis beeinflussen. Denn hier entstehen Arzneimittelpeise nicht primär durch parlamentarische Entscheidungen, sondern durch ein festes Fachverfahren aus Nutzenbewertung und Verhandlungen zu Erstattungsbeträgen. Diese Form der frühen Einflussnahme im Gesetzgebungsprozess beschreibt auch der Autor Michael Simon in seinem 2015 erschienenen Fachbeitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

 

Die USA drehen an der Preis-Schraube und Deutschland könnte bald Konsequenzen zu spüren bekommen

Die USA verändern globale Spielregeln. Daraus kann steigender Druck auf Europa entstehen – und Deutschland ist aufgrund seiner Marktgröße, seiner frühen Zulassungspraxis und seiner Referenzwirkung besonders relevant für Pharma-Konzerne ... man könnte auch sagen, betroffen von ihren Tätigkeiten.

 

FAQ – häufige Fragen rund um Medikamenten-Preise

1. Kann die Situation in den USA eine verzögerte Einführung von (neuen) Medikamenten in Europa bzw. Deutschland zur Folge haben?

Ja, denn Branchen-Analysen beschreiben seit Jahren, dass Pharma-Unternehmen die Einführungen strategisch planen. Wenn ein bisher sehr gewinnstarker Markt weniger einbringt, steigt der Anreiz, in anderen wichtigen Märkten bei Preisverhandlungen härter aufzutreten oder Produkte später einzuführen.

2. Heißt das, dass Medikamente in Deutschland zwangsläufig teurer werden?

Nein, aber es bedeutet, dass die (Verkaufs-)Strategien der Hersteller sich verändern können. Es bleibt abzuwarten, ob die Käufer-Seite strategisch klug reagiert.

3. Ist Deutschland verpflichtet, Preise anderer Länder zu übernehmen?

Nein, jedoch werden deutsche Preise von anderen europäischen Ländern häufig als Referenz herangezogen. Deshalb ist der deutsche Markt für Hersteller im Hinblick auf Preisgestaltungen besonders interessant.

4. Warum orientieren sich unabhängige Staaten überhaupt an den Preisen in anderen Staaten?

In Verhandlungsstrategien wird – offen gesagt auch zum Schutz vor Abzocke – einbezogen, was Medikamente in anderen Staaten kosten.

5. Was ist Medicare eigentlich?

Medicare ist das staatliche Krankenversicherungsprogramm der USA für Menschen ab 65 Jahren sowie für bestimmte jüngere Menschen mit Behinderung. Es ist damit einer der größten Zahler von Arzneimitteln der Welt (der jetzt einige Preise aushandeln darf).

 

Weitere Informationen zum (fragwürdigen) Vorgehen von Pharma-Unternehmen und vielen anderen Themen finden Sie in den Beiträgen unseres Blogs, den Bänden unseres „Codex Humanus“ und der Reihe „Medizinskandale“. Besuchen Sie gerne unseren Online-Shop.

 

Quellen:

·       Centers for Medicare & Medicaid Services (2023): „Medicare Drug Price Negotiation Program – Selected Drugs for Initial Price Applicability Year 2026“, Fact Sheet.

·       Cubanski, J.; Neuman, T.; Freed, M. (2025): „Medicare Drug Price Negotiations: All You Need to Know“, The Commonwealth Fund.

·       OECD (2018): „Pharmaceutical Pricing Policies in a Global Market“, OECD Health Policy Studies.

·       Sozialgesetzbuch (SGB V) – § 35a.

·       Sozialgesetzbuch (SGB V) – § 130b.

·       G-BA – Gemeinsamer Bundesausschuss (16.05.2024): „Erneute Zusatznutzenbewertung von Orphan Drugs nach Überschreiten der Umsatzschwelle“, Fachnews 129.

·       IQWiG (17.01.2024): „Preis- und Kostenentwicklung von Orphan Drugs“, Arbeitspapier GA22-01, Version 1.0.

·       IQWiG (20.02.2024): „Das AMNOG wirkt … bei Orphan Drugs oft erst später“, Projektinformation zu GA22-01.

https://www.opensecrets.org/

·       Center for Responsive Politics OpenSecrets (2018): „Lobbying Data – Pharmaceuticals/Health Products Industry“.

·       „Lobbyregister für die Interessenvertretung gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung“      

          https://www.lobbyregister.bundestag.de/startseite

·       Michael Simon: „Lobbyismus in der Gesundheitspolitik“, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 2015.