Demenz: Welche Ärzte soll man aufsuchen? Und wie hilft die Alternativmedizin?
Demenz wird nicht mit einem einzelnen Test festgestellt. Die Diagnose entsteht aus Gespräch, Beobachtung, Testung und Bildgebung – und häufig aus der Zusammenarbeit mehrerer Fachrichtungen. Genau dieses Zusammenspiel zeigt, wo Komplementärmedizin sinnvoll ansetzt: dort, wo Medikamente naturgemäß wenig erreichen – im Alltag, in Routinen, in Sinnesreizen, in Schlaf, Bewegung und sozialer Aktivierung.
In diesem Beitrag entwirren wir, welche Fachrichtungen an der Demenz-Diagnostik beteiligt sein können, wie die Diagnostik abläuft, welche Medikamente es gibt – und was komplementärmedizinische Konzepte im Gegensatz dazu tatsächlich leisten.
Demenz-Diagnostik: Wer macht eigentlich was?
Der Ablauf sieht typischerweise etwa so aus:
- Hausarzt/Allgemeinmedizin: für Basislabor, erste Einschätzung
- Neurologie: für kognitive Tests, neurologische Untersuchung
- Psychiatrie: bei Halluzinationen, außerdem um Verhaltensänderungen von einer möglichen Depression abzugrenzen
- Geriatrie: zur Prüfung von z. B. Motorik, Mobilität, Medikation, Hörvermögen, Sehvermögen
- Neuropsychologie: für ausführliche Testbatterien
- Radiologie: für MRT/CT (Gefäßschäden, Atrophie-Muster)
Da es mehrere Formen von Demenz gibt, wird je nach Verdacht anders vorgegangen, z. B. mit Gedächtnistests bei Alzheimer, Bildgebung bei der Vaskuläre Demenz oder eine detaillierte Schlafanamnese bei der Lewy-Körper-Demenz (McKhann et al., 2011; Iadecola, 2013; Walker et al., 2015).
In der Praxis zieht sich die Abklärung häufig über mehrere Wochen bis Monate, weil Ärztinnen und Ärzte neben Testergebnissen vor allem Verläufe und Muster beurteilen müssen. Kognitive Tests sind Momentaufnahmen und können durch Tagesform, Nervosität, Hör- oder Sehprobleme stark beeinflusst werden. Deshalb werden sie oft wiederholt oder durch ausführlichere neuropsychologische Untersuchungen ergänzt.
Hinzu kommen Laboruntersuchungen, bildgebende Verfahren wie MRT oder CT sowie Beobachtungen von Angehörigen, die Veränderungen im Alltag schildern. Gerade diese Fremd-Anamnesen sind für die Diagnostik von großer Bedeutung, weil Betroffene selbst frühe Veränderungen häufig nicht wahrnehmen oder anders einordnen. Angehörige können typische Situationen, in denen es etwa zu Verhaltensänderungen, Verwirrtheit, Auffälligkeiten beim Schlafmuster oder auch der Motorik kommt, oft viel genauer beschreiben als jeder Test es abbilden kann. Erst das Zusammenspiel aus Tests, Befunden und Beobachtungen über mehrere Wochen ermöglicht eine verlässliche Einordnung.
Medikamente: Sinnvoll, aber begrenzt in dem, was sie leisten können
Cholinesterase-Hemmer und Memantin können kognitive Symptome teilweise stabilisieren, heilen aber nicht (Birks, 2006; McShane et al., 2019). Bei Lewy- und Parkinson-Demenz wirken sie zusätzlich auf Halluzinationen und kognitive Schwankungen (Walker et al., 2015).
Doch der Schlüssel zum Wohlbefinden liegt in der Struktur des Alltags: Es braucht körperliche Aktivität, soziale Einbindung stimulierende Unternehmungen und guten Schlaf.
Hier greift die Komplementärmedizin als ganzheitliche Alltagshilfe!
Große Übersichtsarbeiten zeigen, dass beeinflussbare Faktoren eine erhebliche Rolle spielen (Livingston et al., 2020). Komplementärmedizin umfasst mehr als Pflanzenstoffe. Von großer Bedeutung sind:
o Schlafhygiene: Feste Zeiten, Tageslicht am Morgen, Dunkelheit am Abend, Reizreduktion – besonders relevant bei Lewy-Spektrum und Alzheimer.
o Bewegung als Multi-Therapie: Verbessert Hirndurchblutung, Gleichgewicht, Schlaf, Stimmung, Gefäßgesundheit – ein Faktor, viele Wirkebenen.
o Hörvermögen sicherstellen: Unbehandelter Hörverlust ist ein belegter, modifizierbarer Risikofaktor (Lin et al., 2011).
o Struktur und Routinen: Regelmäßige Abläufe reduzieren kognitive Überforderung.
o Soziale Aktivierung: Isolation erhöht das Risiko, Einbindung wirkt stabilisierend.
o Kognitive Aktivierung: Gespräche, Spiele, Musik oder Lesen – das Gehirn reagiert auf Stimulanz.
Auch bei Demenz: Phytomedizin als essentieller Bestandteil der Komplementärmedizin
Folgende Substanzen sollten in die Ernährung integriert werden:
o Ginkgo biloba (EGb 761) hat positive Effekte auf Kognition und Alltagsfunktionen (Gauthier & Schlaefke, 2014). Auf Wechselwirkungen, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Blutverdünnern, muss aber geachtet werden.
o Curcumin ist antioxidativ/entzündungshemmend (Hewlings & Kalman, 2017), kann jedoch auch den Magen-Darm-Trakt reizen.
o Omega-3-Fettsäuren (DHA), z. B. aus Fisch unterstützen die neuronale Membran-Funktion (Yurko-Mauro et al., 2010). Auch bei ihrer Zufuhr sollte auf Wechselwirkungen geachtet werden.
o Polyphenole unterstützen neuronale Schutzmechanismen. Anthocyane (Beeren) und EGCG (grüner Tee) zeigen Effekte auf oxidativen Stress, Neuroinflammation und experimentell auf Amyloid-Prozesse. Kakao-Flavanole verbessern u. a. die zentrale Durchblutung und tragen zum Gefäßschutz bei (Lamport et al., 2015).
Demenz: Interdisziplinäre Diagnostik, Alltagsstrukturen und Komplementärmedizin für kognitive Stabilität
Demenz erfordert eine interdisziplinäre Diagnostik, da kognitive Tests, Laborwerte, Bildgebung und Fremdanamnese erst gemeinsam eine verlässliche Einordnung ermöglichen. Entscheidend für Lebensqualität und kognitive Stabilität ist die Alltagsgestaltung: strukturierte Routinen, guter Schlaf, regelmäßige Bewegung, soziale Aktivierung, gezielte kognitive Reize.
Phytomedizinische Ansätze mit Ginkgo biloba, Curcumin, Omega-3-Fettsäuren sowie polyphenolreicher Ernährung können diese Strategien unterstützen.
Ein solcher ganzheitlicher Ansatz ermöglicht es, einen angenehmen Alltag mit schönen Erlebnissen beizubehalten.
FAQ – häufige Fragen zur komplementärmedizinischen/ alternativmedizinischen Behandlung von Demenz-Erkrankungen
1. Wann/bei welchen Anzeichen sollte man überhaupt zum Arzt gehen?
Beim plötzlichen Auftreten von Symptomen immer zeitnah, weil auch akute Ursachen (z. B. Infekte, Medikamenten-Nebenwirkungen) dahinterstecken können. Ebenso, wenn Angehörige merken: „Die Symptome sind neu und treten immer häufiger auf.“
2. Was, wenn Betroffene keinen Arzt aufsuchen wollen?
Man sollte sie nicht mit dem „Etikett“ Demenz belasten, sondern stattdessen auf auch für sie erkennbare und akzeptable Probleme eingehen, z. B. schlechteres Hören bzw. Sehen oder schlechten Schlaf.
3. Was sollte man für den ersten Arztbesuch vorbereiten bzw. dokumentieren?
o Eine Symptom-Zeitleiste (Seit wann, wie häufig, was hat sich verändert?)
o Beispiele für das Auftreten der Symptome
o Medikamenten-Liste inkl. frei verkäuflicher Mittel (Schlafmittel, Antihistaminika, pflanzliche Präparate)
o Vorerkrankungen (Gefäße, Diabetes, Bluthochdruck, Depression, Schlaganfall)
o Falls möglich, alte Befunde
4. Welche Untersuchungen sind sinnvoll, obwohl sie nicht immer Standard sind?
o Hörtest
o Sehtest (auch schlechtes Sehen führt zu weniger kognitiver Stimulation)
o Schlaf-Diagnostik
o Medikamenten-Check
o Ernährungsstatus
5. Wie integriert man Bewegung sinnvoll, wenn Betroffenen die Motivation fehlt oder Sturzgefahr besteht?
Mit kleinen, festen Ritualen, beginnend mit sicherer Umgebung und Fokus auf Gleichgewicht und Kraft. Bei Angst vor Stürzen ist Physiotherapie häufig effektiver als „planloses“ Spazierengehen.
6. Wann sollte man über Organisatorischen sprechen, z. B. pflegerische Unterstützung oder Vollmachten?
Sobald ein belastbarer Verdacht besteht. Wenngleich es belastend scheint: Je früher Behörden-Angelegenheiten, Medikamenten-Darreichungen, Notfallkontakte oder Patientenverfügungen geregelt werden, desto weniger belastend sind diese Faktoren bei einem Fortschreiten der Erkrankung.
7. Können Fehler in der Kommunikation mit Betroffenen Demenz-Symptome verstärken?
Ja, z. B. wenn man versucht, Betroffene davon zu überzeugen, dass ihre Wahrnehmungen „falsch“ sind. Wichtig ist, ihnen stattdessen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, indem man sie nicht stetig zu korrigieren versucht. Man sollte sich möglichst einfach ausdrücken, Betroffene nicht mit Reizen oder Fragen „überfluten“ und ihnen für Antworten einfache Wahlmöglichkeiten geben.
Auch in unserem nächsten Beitrag wird es um eine Erkrankung gehen, die mitunter schwer zu diagnostizieren ist und oft verkannt wird, obwohl sie für Betroffene oft massive Einschränkungen und Belastungen mit sich bringt: Migräne. Weitere Informationen, auch zu vielen anderen Themen, finden Sie neben dem Blog in den Bänden unseres „Codex Humanus“ und der Reihe „Medizinskandale“. Besuchen Sie gerne unseren Online-Shop.
Quellen:
· McKhann, G. M. et al. (2011): „The diagnosis of dementia due to Alzheimer’s disease: Recommendations from the National Institute on Aging–Alzheimer’s Association workgroups“, Alzheimer’s & Dementia.
· Iadecola, C. (2013): „The pathobiology of vascular dementia“, Neuron.
· Walker, Z. et al. (2015): „Lewy body dementias“, The Lancet.
· Birks, J. (2006): „Cholinesterase inhibitors for Alzheimer’s disease“, Cochrane Database of Systematic Reviews.
· McShane, R. et al. (2019): „Memantine for dementia“, Cochrane Database of Systematic Reviews.
· Livingston, G. et al. (2020): „Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission“, The Lancet.
· Lin, F. R. et al. (2011): „Hearing loss and incident dementia“, Archives of Neurology.
· Gauthier, S. & Schlaefke, S. (2014): „Efficacy and tolerability of Ginkgo biloba extract EGb 761® in dementia: a systematic review and meta-analysis of randomized placebo-controlled trials“, Clinical Interventions in Aging.
· Hewlings, S. J. & Kalman, D. S. (2017): „Curcumin: A Review of Its Effects on Human Health“, Foods.
· Yurko-Mauro, K. et al. (2010): „Beneficial effects of docosahexaenoic acid on cognition in age-related cognitive decline“, Alzheimer’s & Dementia.
· Lamport, D. J. et al. (2015): „The effect of flavanol-rich cocoa on cerebral perfusion in healthy older adults“, Psychopharmacology.