Demenz: Formen, Symptome, Risikofaktoren – und Unterschiede bei Männern und Frauen
Demenz wird häufig als altersbedingter Gedächtnisverlust beschrieben. Medizinisch verbirgt sich dahinter jedoch eine Gruppe unterschiedlicher Erkrankungen des Gehirns mit verschiedenen Ursachen, Verlaufsformen und Symptomschwerpunkten.
Jeder kennt den Begriff „Alzheimer“. Doch welche anderen Demenzformen gibt es? Welche Risikofaktoren begünstigen eine Erkrankung: Wie unterscheiden sich Symptome und Krankheitsverläufe bei Männern und Frauen – und wo gibt es Gender-Data-Gaps? Wir geben Antworten …
Demenz: Wenn ja, wie viele?
Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem Lateinischen und wurde bereits in der Antike benutzt, um geistige Verwirrung zu umschreiben, Er setzt sich zusammen aus de („weg, herab“) und mens („Geist, Verstand, Denkvermögen“). Wörtlich übersetzt bedeutet Demenz daher so viel wie „Nachlassen des Verstandes“ oder „Schwinden der geistigen Fähigkeiten“.
Die Begriffsherkunft deckt sich somit bemerkenswert genau mit der heutigen medizinischen Definition: Demenz beschreibt keinen normalen Alterungsprozess, sondern ein krankhaftes Nachlassen geistiger Funktionen auf mehreren Ebenen. Den Krankheitsbildern liegen verschiedene Ursachen zugrunde entsprechend unterscheiden sich Symptome und Verläufe.
Heutzutage werden mehrere Formen von Demenz unterschieden:
- Alzheimer-Krankheit: Die häufigste Form
Bei Alzheimer stehen zwei krankhafte Proteinveränderungen im Vordergrund: Ablagerungen von Amyloid-β (Plaques) außerhalb der Nervenzellen und Tau-Veränderungen (Neurofibrillen) innerhalb der Nervenzellen. Diese Prozesse gehen mit Synapsenverlust, Entzündungsreaktionen und fortschreitendem Nervenzelluntergang einher.
Typische Symptome: Häufig beginnt Alzheimer schleichend mit Störungen des Kurzzeitgedächtnisses (neues Lernen fällt schwer), Wortfindungsproblemen und Orientierungsstörungen. Im Verlauf kommen Einschränkungen von Alltagsfunktionen, Planung/Urteilsvermögen und teils Verhaltens- bzw. Persönlichkeitsveränderungen hinzu (DeTure & Dickson, 2019).
Unterschiede bei Männern und Frauen: In bevölkerungsbasierten Daten werden Frauen im höheren Alter häufiger mit Alzheimer diagnostiziert als Männer. Ein Grund dafür können hormonelle Veränderungen in der Menopause sein (Ferretti et al., 2018).
Frauen können bei gleicher Alzheimer-Pathologie in verbalen Gedächtnistests länger „unauffällig“ bleiben bzw. Defizite länger kompensieren. Das kann dazu beitragen, dass Alzheimer bei Frauen im Durchschnitt später erkannt wird – obwohl die zugrunde liegende Pathologie vergleichbar fortgeschritten sein kann (Sundermann et al., 2017).
Relevante und beeinflussbare Risikofaktoren: Für das Demenzrisiko insgesamt werden mehrere modifizierbare Faktoren als bedeutsam bewertet, u. a. Bluthochdruck, Diabetes, körperliche Inaktivität, Depression, soziale Isolation sowie Verschlechterung des Hörvermögens, worauf wir gleich noch etwas näher eingehen (Livingston et al., 2020)
- Vaskuläre Demenz: Gefäßschäden im Fokus
Bei vaskulärer Demenz stehen Gefäß- und Durchblutungsstörungen im Vordergrund: Kleine (teils unbemerkte) Infarkte, Mikroblutungen oder chronische Minderdurchblutung können Hirngewebe schädigen, insbesondere weiße Substanz und Verbindungsbahnen zwischen Hirnarealen. Dadurch werden Denkprozesse „langsamer“ und weniger effizient.
Typische Symptome: Häufig sind verlangsamtes Denken, Aufmerksamkeits- und Exekutiv-Funktionsstörungen (Planen/Organisieren), Gangunsicherheit sowie – je nach Gefäßereignissen – ein eher stufenweiser Verlauf (Iadecola, 2013).
Unterschiede bei Männern und Frauen: Gefäßrisiken entwickeln sich über die im Verlauf eines Lebens unterschiedlich unterschiedlich, was Zeitpunkt und Art der klinischen Manifestation beeinflussen kann. Und da die Medizin über Männer besser bescheid weiß als über Frauen kann sich auch hier eine Gender-Data-Gap in Prävention und Diagnostik auswirken (Iadecola, 2013; Livingston et al., 2020).
Risikofaktoren sind für Männer und Frauen ähnlich wie bei Alzheimer, wenngleich etwa Bluthochdruck und Gefäßerkrankungen bei Männern häufiger auftreten als bei Frauen. (Ja, auch wir bemühen den „Durchschnittsmann“.)
- Lewy-Körper-Demenz (DLB): Schwierig abzugrenzende Symptome
Aus bislang nicht vollständig geklärten Gründen kommt es bei der Lewy-Körper-Demenz zu einer Fehlfaltung des Proteins Alpha-Synuclein, das sich in Nervenzellen ablagert und dort nach und nach zentrale Hirnfunktionen stört, insbesondere Aufmerksamkeit, visuelle Verarbeitung und Schlaf-Wach-Regulation.
Typische Symptome: Bereits Jahre vor dem Auftreten anderer Symptome kann es zu Schlafstörungen in der REM-Phase kommen. Oft kommt es in einem sehr frühen Stadium zu Schwankungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeitsstörungen und visuellen Halluzinationen. Parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen können parallel auftreten, entwickeln sich jedoch bei vielen Betroffenen erst im späteren Verlauf. Riechstörungen sowie Störungen der autonomen Regulation wie Schwindel beim Aufstehen, Verstopfung, vermehrtes Schwitzen oder Blutdruckschwankungen können Risikofaktoren für eine Erkrankung sein, aber auch frühe Symptome der Erkrankung selbst. (Walker et al., 2015). Entsprechend kompliziert ist ggf. die Diagnostik.
Unterschiede bei Männern und Frauen: Diese Form wird bei Männern häufiger und schneller diagnostiziert als bei Frauen, denn Frauen zeigen häufiger ausgeprägte Halluzinationen und werden daher teils initial psychiatrisch eingeordnet (Chiu et al., 2023).
- Parkinson-Demenz (PDD): Bewegungsstörung mit kognitiven Folgen
Bei der Parkinson-Demenz liegt – wie bei der Lewy-Körper-Demenz – eine Fehlfaltung des Proteins Alpha-Synuclein zugrunde. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, wo dieser Prozess beginnt: Zunächst sind vor allem tiefere Hirnareale wie die Substantia nigra betroffen, die für die Bewegungssteuerung zuständig sind. Erst im weiteren Verlauf breitet sich die Pathologie in Hirnregionen aus, die Aufmerksamkeit, Denken und Wahrnehmung steuern.
Typische Risikofaktoren und Symptome: Über Jahre steht eine klassische Parkinson-Symptomatik im Vordergrund: Zittern, Muskelsteifigkeit, Bewegungsverlangsamung und Gangunsicherheit. Erst später treten kognitive Veränderungen hinzu, meist in Form von Aufmerksamkeits-, Planungs- und Gedächtnisproblemen. Auch hier sind Schlafstörungen, insbesondere im Zusammenhang mit der REM-Schlaf-Verhaltensstörung, häufig. Riechstörungen und autonome Auffälligkeiten wie Blutdruckschwankungen, Verstopfung oder Schwindel können bereits lange vor den kognitiven Symptomen bestehen (Walker et al., 2015).
Unterschiede bei Männern und Frauen: Morbus Parkinson tritt insgesamt häufiger bei Männern auf, entsprechend wird auch die Parkinson-Demenz häufiger bei Männern diagnostiziert. Gleichzeitig wird der kognitive Abbau bei vielen Betroffenen lange als „Teil des Parkinson“ eingeordnet und nicht als eigenständige Demenz erkannt. Auch hier kann die Gender-Data-Gap eine Rolle spielen, da Symptome unterschiedlich wahrgenommen und bewertet werden (Chiu et al., 2023).
- Frontotemporale Demenz (FTD): Verhaltensveränderungen einordnen
Bei der frontotemporalen Demenz sterben Nervenzellen vor allem im Stirn- (Frontal-) und Schläfenlappen (Temporal-) ab. Anders als bei Alzheimer sind hier zunächst nicht die Gedächtniszentren betroffen, sondern Hirnareale, die Persönlichkeit, Sozialverhalten, Impulskontrolle und – bei der sog. primär progressiven Aphasie (PPA) – Sprache steuern. Ursache sind fehlgefaltete Proteine, meist Tau oder TDP-43, die sich in Nervenzellen ablagern und deren Funktion stören.
Typische Symptome: Zunächst fallen häufig Enthemmung, Taktlosigkeit, verminderte Empathie, Apathie oder auffällige Entscheidungs- und Impulsmuster auf. Gedächtnisprobleme stehen zu Beginn oft nicht im Vordergrund. Stattdessen können Wortfindungsprobleme, veränderte Sprachmelodie oder Schwierigkeiten, Gesprochenes zu verstehen, auffallen (Bang et al., 2015).
Unterschiede bei Männern und Frauen: Klinische Auswertungen zeigen, dass sich die Erscheinungsformen zwischen Männern und Frauen unterschiedlich verteilen können: Die verhaltensbetonte Variante (bvFTD) wird häufiger bei Männern beobachtet, während sprachbetonte Verlaufsformen (PPA) häufiger bei Frauen beschrieben werden (Pengo, et al., 2022). Diese unterschiedlichen „Einstiegsbilder“ können beeinflussen, welcher Fachbereich bei Einsätzen der Beschwerden zunächst konsultiert wird (Neurologie, Psychiatrie, Logopädie) und tragen somit ggf. zur falschen Einordnung als psychisches oder zwischenmenschliches Problem bei (Zapata-Restrepo et al., 2021).
Risikofaktoren: Klassische Gefäß- oder Stoffwechselrisiken spielen hier eine untergeordnete Rolle. FTD ist im Vergleich zu anderen Formen häufiger durch genetische und zellbiologische Prozesse geprägt. Eine direkte Einflussnahme auf diese Faktoren ist nicht möglich (Bang et al., 2015).
- Gemischte Demenz: Mehrere Krankheitsprozesse überlagernd
Bei der gemischten Demenz finden sich im Gehirn gleichzeitig mehrere krankhafte Veränderungen. Besonders häufig ist die Kombination aus Alzheimer-typischen Eiweißablagerungen (Amyloid und Tau) und vaskulären Schädigungen durch Durchblutungsstörungen, Mikroinfarkte oder Gefäßveränderungen. Studien zeigen, dass solche Mischbilder im höheren Alter eher die Regel als die Ausnahme sind (Schneider et al., 2007).
Typische Symptome: Die Symptomatik wirkt oft „uneinheitlich“ und passt nicht eindeutig zu einer einzelnen Demenzform. Gedächtnisprobleme wie bei Alzheimer können sich mit verlangsamtem Denken, Gangunsicherheit oder ausgeprägten Aufmerksamkeitsstörungen mischen, wie sie für vaskuläre Schädigungen typisch sind. Genau diese Mischung erschwert die klinische Einordnung.
Unterschiede bei Männern und Frauen: Neuropathologische Auswertungen zeigen, dass sich Misch-Pathologien zwischen Männern und Frauen unterschiedlich verteilen können. In Analysen wurden Kombinationen aus Alzheimer- und vaskulären Veränderungen bei Frauen häufiger beschrieben, während andere pathologische Muster bei Männern dominierten. Diese Unterschiede sind subtil, können aber erklären, warum sich Symptome zwischen den Geschlechtern unterschiedlich präsentieren und bewertet werden (Barnes et al., 2019).
Risikofaktoren: Hier greifen sowohl die Risikofaktoren der Alzheimer-Demenz als auch jene der vaskulären Demenz. Besonders bedeutsam sind daher Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, Gefäßerkrankungen und Verschlechterungs des Hörvermögens. Da mehrere Prozesse gleichzeitig wirken, ist die Prävention vaskulärer Risikofaktoren besonders relevant (Livingston et al., 2020).
Gehörverlust: Einsamkeit und kognitive Belastung
Unbehandelter Gehörverlust ist, wie erwähnt, einer der wichtigsten beeinflussbaren Demenz-Risikofaktoren, denn er kann längerfristig zu erhöhter kognitiver Belastung, sozialem Rückzug, Einsamkeit und dadurch letztlich auch zu verringerter neuronaler Stimulation führen.
Langzeitdaten der Johns Hopkins University (Lin et al., 2011) zeigen den Zusammenhang deutlich: Da Männer im Alter aber Hörhilfen seltener frühzeitig nutzen (Eitelkeit?), Frauen dann wiederum häufiger allein leben, kann der Faktor des schlechten Hörens die Entstehung einer Demenz-Erkrankung in vielerlei Weisen begünstigen.
Warum Diagnostik nicht bei allen gleich greift
Lange Zeit wurde die höhere Alzheimer-Rate bei Frauen ausschließlich damit erklärt, dass Frauen älter werden. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Frauen haben nicht nur länger Zeit, zu erkranken – sie haben teilweise auch andere biologische Voraussetzungen, welche die verantwortlichen Prozesse beeinflussen.
Studien zeigen, dass hormonelle Faktoren, Gefäßgesundheit, Stoffwechselprozesse, Immunaktivität und sogar Bildungsbiografie bei der Entstehung einer Demenzerkrankung eine Rolle spielen. Ein höherer Bildungsgrad kann z. B. gesteigerte kognitive Flexibilität bedeuten, was das Risiko einer Erkrankung verringern kann (Stern, 2012).
Multi-faktorell und vielschichtig: Demenz ist nicht gleich Demenz
Formen und Diagnose-Methoden von Demenz sind verschieden – auch bei Männern und Frauen. Die Unterschiede beeinflussen maßgeblich, wann und wie eine Demenz erkannt wird.
Aber wie läuft die Diagnostik ab? Und wie agiert man nach der Diagnose richtig? Antworten darauf gibt es in unserem nächsten Beitrag. Bis dahin beantworten wir einige andere Fragen ...
FAQ – häufige Fragen zu Demenz-Erkrankungen
1. Warum bemerken Angehörige Veränderungen oft früher als die Betroffenen selbst?
Frühe Prozesse beeinträchtigen häufig die Selbstwahrnehmung und Einsichtsfähigkeit. Außenstehende nehmen subtile Veränderungen daher oft früher wahr.
2. Warum tritt Demenz bei manchen Menschen trotz gesunder Lebensweise auf?
Neben Lebensstilfaktoren spielen genetische Prädispositionen, Alterungsprozesse, frühere Kopfverletzungen und komplexe Eiweißveränderungen im Gehirn eine Rolle. Eine gesunde Lebensweise, etwa ausreichend Schlaf und Bewegung, senkt das Risiko, bietet aber keinen absoluten Schutz.
3. Warum gelten soziale Kontakte als Schutzfaktor für das Gehirn?
Soziale Interaktion fordert das Gehirn komplex: Sprache, Emotion, Gedächtnis und Aufmerksamkeit werden gleichzeitig aktiviert. Soziale Isolation hingegen erhöht das Demenzrisiko.
4. Kann geistiges Training wie Rätsel oder Gedächtnisspiele Demenz verhindern?
Solche Übungen stärken die kognitive Reserve und können den Verlauf verzögern, ersetzen aber nicht Bewegung, Stoffwechselgesundheit und soziale Aktivität.
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Quellen:
· DeTure, M. A.; Dickson, D. W. (2019): „The neuropathological diagnosis of Alzheimer’s disease“, Molecular Neurodegeneration.
· Ferretti, M. T. et al. (2018): „Sex differences in Alzheimer disease — the gateway to precision medicine“, Nature Reviews Neurology.
· Sundermann, E. E. et al. (2017): „Does the female advantage in verbal memory contribute to underestimating Alzheimer’s disease pathology in women versus men?“, Journal of Alzheimer’s Disease.
· Livingston, G. et al. (2020): „Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission“, The Lancet.
· Iadecola, C. (2013): „The pathobiology of vascular dementia“, Neuron.
· Walker, Z. et al. (2015): „Lewy body dementias“, The Lancet.
· Chiu, Y. C. et al. (2023): „Sex differences in clinical features of dementia with Lewy bodies: a systematic review“, Journal of Neurology.
· Bang, J. et al. (2015): „Frontotemporal dementia“, The Lancet.
· Pengo, M. F. et al. (2022): „Sex differences in frontotemporal dementia clinical phenotypes“, Neurology.
· Zapata-Restrepo, L. M. et al. (2021): „The Psychiatric Misdiagnosis of Behavioral Variant Frontotemporal Dementia“, Frontiers in Neurology.
· Schneider, J. A. et al. (2007): „Mixed brain pathologies account for most dementia cases in community-dwelling older persons“, Neurology.
· Barnes, L. L. et al. (2019): „Sex differences in mixed neuropathologies in dementia“, Brain.
· Lin, F. R. et al. (2011): „Hearing loss and incident dementia“, Archives of Neurology.
· Stern, Y. (2012): „Cognitive reserve in ageing and Alzheimer’s disease“, The Lancet Neurology.