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Fatale Behandlungsfehler und Krankenhauskeime als blinde Flecken in der Statistik: Todesursache Arzt?

Wenn es um Todesursachen geht, denken die meisten Menschen an Krebs, Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Doch Leserinnen und Leser unseres Blogs ahnen vermutlich, dass das nicht die die ganze Wahrheit ist. Medizinische Fehler, falsche Medikamentengaben und Krankenhauskeime fordern jedes Jahr zehntausende Opfer. In offiziellen Statistiken tauchen sie jedoch so gut wie nie als Todesursache auf.

Das wirft Fragen auf: Handelt es sich um ein reines Statistik-Problem? Oder steckt dahinter ein systematischer blinder Fleck, der das Ausmaß vermeidbarer Todesfälle verschleiert? Hier eine kritische Betrachtung der deutschen Datenlage – mit internationalem Vergleich.

 

Wie Todesursachen in Deutschland erfasst werden

In Deutschland basiert die Statistik zu Todesursachen auf der ärztlichen Todesbescheinigung. Dort muss die Ärztin oder der Arzt eine Kausalkette dokumentieren: Von der zugrundeliegenden Erkrankung über Zwischenursachen bis zur unmittelbaren Todesursache. Die WHO schreibt vor, dass nur ein „Underlying Cause of Death“ (eine „zugrunde liegende Todesursache“) also  ein Grundleiden – in die Statistik einfließt.¹

Im Klartext bedeutet das beispielsweise: Stirbt ein an Lungenentzündung leidender Patient nach Behandlungsfehler, wird die Lungenentzündung gezählt – nicht der Behandlungsfehler. Das Statistische Bundesamt wertet diese Angaben aus und veröffentlicht sie jährlich in der offiziellen Statistik.²

 

Warum Behandlungsfehler selten als Todesursachen gezählt werden

Dafür gibt es mehrere Gründe ...

·       Anwendung des Klassifikationsprinzips: Fehler bei Medikamenten-Gabe oder Operationen sind in ICD-10-GM* zwar kodierbar (Y40–Y84), werden aber nur selten als Todesursache eingetragen.³

·       Rechtliche Hürden: Mit dem Eintrag „Behandlungsfehler“ auf dem Totenschein würde ein Arzt faktisch Schuld eingestehen – mit möglichen straf- und haftungsrechtlichen Folgen.⁴

·       Qualität der Dokumentation: Untersuchungen zeigen, dass viele Todesbescheinigungen fehlerhaft oder unvollständig ausgefüllt sind.⁵

Die Folge: Behandlungsfehler verschwinden in der Statistik hinter Diagnosen – die tatsächlichen Opferzahlen bleiben im Dunkeln.

Nichtsdestotrotz möchten wir uns nun den Haupt-Risikofaktoren der „Todesursache Arzt“ widmen:

 

Das Krankenhaus als Infektionsherd – eine unterschätzte Gefahr

Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) erleiden jährlich 400.000 bis 600.000 Menschen in deutschen Kliniken eine nosokomiale (= krankenhausbedingte) Infektion. Zwischen 10.000 und 20.000 sterben daran. Häufig verantwortlich sind resistente Keime wie MRSA, ESBL-bildende Bakterien oder Clostridioides difficile. Das RKI verweist darauf dass die Zahlen wegen der Grunderkrankungen der Verstorbenen schwierig zu erfassen seien, wodurch der unglückliche Eindruck entstehen, dass das RKI die Zahlen gewissermaßen relativieren wolle.

Zwar bestätigt das Bundesgesundheitsministerium diese Größenordnung⁷, doch auch hier dürfte die Dunkelziffer beträchtlich höher liegen.

 

Behandlungsfehler in Deutschland – die offiziellen Zahlen

Offizielle Kennzahlen für 2022 werden von verschiedenen Institutionen verschiedentlich benannt:

·       Medizinische Dienste (MD-Bund): Von 13.059 Vorwürfen wurden 3.685 Fehler bestätigt, in 2.696 Fällen bestand ein kausaler Zusammenhang zum Schaden.⁸

·       Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern: Hier wurden 1.093 Fehler anerkannt, davon führten 50 nachweislich zum Tod.⁹

Diese Daten erfassen jedoch nur gemeldete Fälle. Viele Angehörige wissen gar nicht, dass sie einen Verdacht melden könnten – die wahre Zahl liegt mit Sicherheit deutlich höher.

 

Medikationsfehler und unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Polypharmazie, also Mehrfachmedikation, die Verwechslung von Präparaten, fehlerhafte oder fehlende Medikamentenpläne führen immer wieder zu lebensbedrohlichen Zwischenfällen.

Laut dem ADRED-Projekt („Adverse Drug Reactions in Emergency Departments“, zu deutsch „Unerwünschte Arzneimittelwirkungen in Notaufnahmen“) einer Studie, die zwischen 2015 und 2018 an verschiedenen deutschen Notaufnahmen durchgeführt wurde, stehen 5 – 10 % aller Krankenhausaufnahmen in Zusammenhang mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Ein erheblicher Teil dieser Fälle gilt als vermeidbar.¹⁰

Doch auch hier fehlen zentrale Todesfallstatistiken – ein weiterer blinder Fleck. Die Dunkelziffer ist unbekannt, dürfte aber hoch sein, da nicht jede Nebenwirkung erfasst und gemeldet wird.

Die „Todesursache Arzt“ im internationalen Vergleich

USA: Behandlungsfehler als dritthäufigste Todesursache?

In den USA sorgte 2016 eine Publikation im BMJ für Schlagzeilen: Demnach sterben dort jährlich rund 250.000 Menschen an medizinischen Fehlern – mehr als an Atemwegserkrankungen, Diabetes oder Verkehrsunfällen. Damit wären Fehler die dritthäufigste Todesursache nach Herzkrankheiten und Krebs¹¹.

Die Zahl ist umstritten: Kritiker weisen darauf hin, dass sie auf Hochrechnungen basiert und methodisch unsicher ist. Aber sie verdeutlicht, wie groß das Problem sein könnte – und dass die Dunkelziffer auch dort eine zentrale Rolle spielt.

Großbritannien: Eine systematischere Erfassung

In Großbritannien untersucht der National Health Service (NHS) regelmäßig vermeidbare Todesfälle. Eine Analyse kam 2018 zu dem Ergebnis, dass 3 – 5 % aller Todesfälle in Krankenhäusern potenziell vermeidbar gewesen wären.¹²

Das britische Meldesystem für „Adverse Events“, also „unerwünschte Ereignisse“, gilt als transparenter als das deutsche – und zeigt, dass systematische Fehlererfassung durchführbar ist.

Finnland: Verdachtsfälle müssen untersucht werden

Besteht der Verdacht, dass ein medizinischer Fehler oder ein „unerwünschtes Ereignis“ zum Tod von Patienten beigetragen haben könnte, muss dies vermerkt werden, woraufhin automatisch behördliche Untersuchungen eingeleitet werden.¹³ Durch dieses rechtlich verankerte Verfahren wird ein eine systematische Prüfung möglicher Behandlungsfehler sichergestellt.

 

FAQ - häufige Fragen zu Behandlungsfehlern

1. Warum werden Behandlungsfehler selten offen dokumentiert, obwohl Transparenz – nicht zuletzt zur Vertrauensbildung wichtig wäre?

Weil jede Dokumentation rechtliche und wirtschaftliche Folgen haben kann. Ärzte fürchten Haftung, Kliniken fürchten Schadensersatzforderungen, höhere Versicherungsbeiträge oder Reputationsschäden, die natürlich ihrerseits zu finanziellen Einbüßen führen können. Deshalb ist die Versuchung groß, Fehler unter den Teppich zu kehren. Langfristig kann Transparenz das Vertrauen in die Branche stärken, wenn Patienten sehen, dass Probleme ernst genommen werden. Doch viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen berichten davon Fehler aus Angst vor Schuldzuweisungen nicht zu melden.

2. Wenn Fehler so selten in Statistiken auftauchen, woher weiß man dann überhaupt, wie groß das Problem ist?

Die meisten Daten stammen nicht aus den Todesursachenstatistiken, sondern aus Gutachten, Schlichtungsstellen oder Forschungsprojekten. Außerdem gibt es internationale Studien, die Hochrechnungen auf Basis von Krankenhausakten machen. Das Bild ergibt sich also aus vielen Puzzleteilen, die mühsam zusammengesetzt werden müssen.

3. Warum schützt das System die Ärzte, nicht die Patienten?

Das liegt vor allem an der rechtlichen Konstruktion. Fehler müssen durch (gerichtliche) Gutachten festgestellt werden. In der Praxis führt dieser Aufwand aber oft dazu, dass Ärztefehler „unsichtbar“ bleiben.

4. Könnten mehr Obduktionen helfen, Ärztefehler zu erkennen?

Ja, in Ländern mit hoher Obduktionsrate werden mehr Behandlungsfehler entdeckt. In Deutschland ist diese Rate jedoch seit Jahren sehr niedrig. Auch das trägt dazu bei, dass viele Todesursachen unklar bleiben.

5. Wäre ein „Fehler-Register“ für Deutschland realisierbar?

Ja, andere Länder zeigen, dass es möglich ist. In Deutschland fehlt bisher der politische Wille. Fachgesellschaften und Patientenschützer fordern ein solches Register schon lange, weil es die Dunkelziffer verringern würde.

 

Fazit: Öffentlich zugängliche Daten zeigen lediglich die Spitze des Eisbergs

Aufgrund von Fehlmedikationen kommt es zu tausendfachen Krankenhaus-Einlieferungen – viele davon wären vermeidbar. Mit bis zu 20.000 Todesfälle pro Jahr, die auf Krankenhausinfektionen zurückzuführen sind, ergeben die offiziellen Zahlen ein klares Bild. Begutachtungen ergeben jährlich mehrere tausend bestätigte Behandlungsfehler in Deutschland, darunter leider auch Todesfälle.

Doch in der offiziellen Todesursachenstatistik bleibt davon so gut wie nichts sichtbar. Was bleibt, ist ein blinder Fleck, der sowohl Betroffene als auch Öffentlichkeit im Unklaren lässt.

Kritische Fragen sind deshalb berechtigt: Wie viele Menschen sterben an der Behandlung selbst und warum werden keine aussagekräftigen Statistiken erhoben? Klar ist: Die Dunkelziffern dürften weit höher liegen als die uns bekannten Größenordnungen es erscheinen lassen – und genau deshalb braucht es mehr Transparenz, Register und den Mut, auch unbequeme Wahrheiten offenzulegen.

Für weiterführende Informationen zu diesem und vielen anderen Themen stöbern Sie gerne in unserem Blog und besuchen Sie unseren Onlineshop. Dort finden Sie auch Bände unseres „Codex Humanus“ sowie der Reihe „Medizinskandale“. Im nächsten Beitrag bleiben wir thematisch bei einem Skandal des Gesundheitssystems ...

 

Quellen:

·       * International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10th Revision, German Modification (auf Deutsch: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Deutsche Modifikation)

https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-10-GM/_node.html

·       ¹ WHO – Cause of death: Medical Certification (Underlying Cause of Death)https://www.who.int/standards/classifications/classification-of-diseases/cause-of-death

·       ² Statistisches Bundesamt (Destatis) – Todesursachen in Deutschland:

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/_inhalt.html

·       ³ CDC – ICD-10 Tabular List (Komplikationen der medizinischen Versorgung, Y40–Y84):

https://www.cdc.gov/nchs/nvss/manuals/2023/2e_volume1_2023.htm

·       ⁴ AWMF-Leitlinie Leichenschau (2023):

https://register.awmf.org/assets/guidelines/054-002l_S1_Regeln-zur-Durchfuehrung-der-aerztlichen-Leichenschau_2023-03.pdf

·       https://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/BfArM/Publikationen/Bundesgesundheitsblatt/2019-12-Gleich.pdf?__blob=publicationFile

·       ⁶ RKI – „Krankheitslast durch nosokomiale Infektionen“ (2019): https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/6431/PM%20Krankheitslast%20durch%20nosokomiale%20Infektionen.pdf

·       ⁷ Bundesgesundheitsministerium – Krankenhaushygiene: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/krankenhaushygiene.html

·       ⁸ Medizinischer Dienst Bund – Jahresstatistik Behandlungsfehler 2022. https://md-bund.de/fileadmin/dokumente/Pressemitteilungen/2023/2023_08_17/PK_BHF_2022_Jahresstatistik.pdf

·       ⁹ Bundesärztekammer – Behandlungsfehler-Statistik 2022:

·       https://www.aerztekammern-schlichten.de/fileadmin/user_upload/Gutachterkommissionen_und_Schlichtungsstellen/Behandlungsfehler-Statistik/Behandlungsfehler-Statistik_2022_.pdf

·       ¹⁰ Bundesgesundheitsministerium – Abschlussbericht ADRED. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/abschlussbericht/Abschlussbericht_ADRED.pdf

·       ¹¹ Makary, M. A.; Daniel, M. (2016): „Medical error—the third leading cause of death in the US“, BMJ.

·       ¹² Hogan, H. et al. (2018): „Preventable deaths due to problems in care in English acute hospitals: retrospective case record review study“, BMJ Quality & Safety.

·       ¹³ Laki kuolemansyyn selvittämisestä (459/1973) – konsolidierter Gesetzestext (Finnisch): https://finlex.fi/fi/laki/ajantasa/1973/19730459