Orale Abnehm-Medikamente: Neue Entwicklungen gegen Typ-2-Diabetes und Adipositas?
Die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Insbesondere GLP-1-basierte Medikamente haben gezeigt, dass sich hormonelle Regelkreise gezielt beeinflussen lassen. Während bislang vor allem injizierbare Präparate im Fokus stehen, rückt zunehmend eine neue Entwicklung in den Vordergrund: Orale Abnehm-Medikamente.
Wir zeigen Ihnen, warum an diesen Wirkstoffen intensiv geforscht wird, worin sich Tabletten von Abnehmspritzen unterscheiden und welche Bedeutung diese Entwicklung für die Behandlung von Stoffwechselerkrankungen haben könnte.
„Abnehmen 2.0“? Warum werden Abnehm-Medikamente überhaupt als Tabletten entwickelt?
Die bisher eingesetzten GLP-1-Rezeptoragonisten werden überwiegend subkutan injiziert und sind daher unter der Bezeichnung „Abnehmspritzen“ bekannt geworden. Für viele Patienten ist dies zwar machbar, kostet aber Überwindung. Doch gerade bei langfristigen Therapien spielt eine „praktische“ Darreichungsform eine entscheidende Rolle für die tatsächliche Umsetzung im Alltag, wie auch aus Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation ersichtlich wird (WHO, 2003).
Warum sind Tabletten in pharmakologischer Hinsicht anspruchsvoll?
GLP-1-basierte Wirkstoffe gehören zur Gruppe der Peptidhormone. Diese werden im Verdauungstrakt normalerweise schnell abgebaut und gelangen nur in sehr geringer Menge in den Blutkreislauf.
Damit eine orale Anwendung überhaupt möglich ist, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein:
· Schutz vor enzymatischem Abbau im Magen-Darm-Trakt
· ausreichende Aufnahme über die Schleimhaut
· stabile Wirkstoffkonzentration im Blut
Orales Semaglutid nutzt hierfür einen Absorptionsverstärker, der die Aufnahme im Magen ermöglicht (FDA, 2019).
GLP-1-basierte Wirkstoffe: Unterschiede zwischen Tabletten und Spritzen
Eventuelle Euphorie müssen wir an dieser Stelle dämpfen. Denn derzeit unterscheiden sich orale GLP-1-Medikamente in mehreren Punkten von injizierbaren Präparaten:
- tägliche Einnahme statt wöchentlicher Injektion
- geringere Bioverfügbarkeit
- strengere Einnahmebedingungen
Ein weiterer Wermutstropfen: Diese Unterschiede wirken sich auch auf die klinische Wirksamkeit aus. Studien zeigen, dass orale GLP-1-Präparate zwar eine signifikante Verbesserung der Blutzuckerwerte erreichen, die Effekte auf das Körpergewicht jedoch geringer ausfallen als bei injizierbaren GLP-1-Rezeptoragonisten (Pratley et al., 2019).
Was bedeutet das für die Behandlung von Adipositas?
Momentan werden verfügbare Tablettenformen vor allem zur Blutzuckerregulation eingesetzt. Im Kontext der Adipositas werden sie derzeit – wenn überhaupt – nur im Rahmen individueller ärztlicher Entscheidungen außerhalb der Zulassung (Off-Label) verschrieben.
Ausgeprägten Effekte auf das Körpergewicht – wie bei injizierbaren Präparaten – werden wegen der geringeren Bioverfügbarkeit oraler Präparate bislang nicht in gleichem Maße erreicht. Daher sind Tabletten derzeit als ergänzende Option zu betrachten, welche die Wirkung injizierbarer Präparate – insbesondere gegen ausgeprägtes Übergewicht – (noch) nicht ersetzen können (Pratley et al., 2019. Obwohl der hier gewählte Beleg aus 2019 ist, hat sich die Sachlage nicht wesentlich geändert).
GLP-1-basierte Wirkstoffe: Die Grenzen des aktuell Machbaren
Zusätzlich zu diesen Aspekten bestehen folgende Einschränkungen, deren Beseitigung für die langfristige Bewertung neuer Behandlungsmethoden für Diabetes und Adipositas von großer Bedeutung sein wird:
· Ursachen von Adipositas werden nicht direkt beseitigt,
· die Wirkung ist an eine kontinuierliche Einnahme gebunden,
· nach Absetzen kann es – wie bereits bei injizierbaren Präparaten beschrieben – zu erneuter Gewichtszunahme kommen.
Fazit: Orale GLP-1-Medikamente sind ein Fortschritt, jedoch in (noch) unbekanntem Ausmaß
Orale GLP-1-Medikamente zeigen, dass sich hormonelle Therapien künftig einfacher in den Alltag integrieren lassen. Aktuell erreichen sie jedoch – insbesondere bei der Gewichtsreduktion – nicht die Wirksamkeit injizierbarer Präparate und sind als Adipositas Medikamente noch nicht zugelassen.
Ob sich ihre Effektivität gegen Adipositas durch neue Wirkstoffe und verbesserte Technologien grundlegend ändern wird, ist Gegenstand der aktuellen Forschung – und dürfte maßgeblich dafür sein, welche Rolle diese Präparate künftig bei der Behandlung von Stoffwechselerkrankungen spielen.
FAQ – häufige, weiterführende Fragen zu oralen GLP-1-Medikamenten
1. Welche Rolle spielen unterschiedliche Dosierungen bei oralen und injizierbaren GLP-1-Medikamenten?
Orale Präparate müssen deutlich höher dosiert werden, weil ein großer Teil des Wirkstoffs im Verdauungstrakt verloren geht. Trotzdem erreichen sie meist nicht die gleichen Wirkspiegel wie Injektionen. Das ist ein zentraler Grund für die unterschiedlich starken Effekte.
2. Warum ist die Wirkung bei GLP-1-Tabletten weniger konstant als bei Injektionen?
Die Aufnahme im Magen ist anfällig für individuelle Unterschiede und äußere Einflüsse. Dadurch können die Wirkstoffspiegel stärker schwanken, während Injektionen eine gleichmäßigere und besser kontrollierbare Wirkung ermöglichen.
3. Warum ist die Weiterentwicklung der Wirkstoffstruktur entscheidend für den Erfolg oraler Therapien?
Die derzeitigen Einschränkungen sind nicht primär ein Problem des Wirkmechanismus, sondern der Aufnahme. Fortschritte werden daher vor allem von neuen Molekülstrukturen erwartet, die stabiler sind und effizienter resorbiert werden können.
Unabhängig von der Darreichungsform bleiben die Wirkmechanismen aller GLP-1-Medikamente identisch: Sie setzen an denselben Rezeptoren an und beeinflussen Appetit, Magenentleerung und Stoffwechsel.
4. Welche Vorgaben gelten für die Einnahme oraler GLP-1-Medikamente?
Die Einnahme muss unter genau definierten Bedingungen erfolgen, damit der Wirkstoff überhaupt ausreichend aufgenommen wird. Dazu gehört in der Regel die Einnahme nüchtern, mindestens 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit, mit nur einer kleinen Menge Wasser und ohne gleichzeitige Einnahme anderer Medikamente. Erst danach darf gegessen oder getrunken werden (FDA, 2019).
5. Welche Risiken bestehen, wenn Vorgaben zur Einnahme oraler Präparaten nicht eingehalten werden?
Die Aufnahme des Wirkstoffs kann deutlich vermindert sein oder ganz ausbleiben. Dadurch entstehen zu niedrige Wirkstoffspiegel im Blut, was die Wirksamkeit erheblich reduziert. Das Problem dabei: Die verminderte Wirkung ist für Patienten nicht unmittelbar erkennbar, sodass die Therapie scheinbar korrekt durchgeführt wird, tatsächlich aber nicht optimal wirkt.
Weitere Informationen zur Behandlung von Adipositas und Diabetes können Sie den entsprechenden Bänden unserer Reihe „Medizinskandale“ entnehmen, sowie den Bänden unseres „Codex Humanus“. Der fünfte Band ist neu erschienen. Besuchen Sie gerne unseren Onlineshop. Auch unsere Blogbeiträge bieten zusätzliche Details zu diesen und vielen anderen Themen.
Quellen:
· World Health Organization (2003): „Adherence to Long-Term Therapies: Evidence for Action“, Sabaté, E. (Hrsg.)
· U.S. Food and Drug Administration (2019): „Rybelsus (semaglutide) tablets – Prescribing Information“.
· Pratley, R. et al. (2019): „Oral Semaglutide versus Subcutaneous Liraglutide and Placebo in Type 2 Diabetes“, The Lancet.